Arbeiten mit Quellen
Welche Quellen gibt es?

Man unterscheidet grundsätzlich zwei Quellengattungen:
  • Überreste, d.h. alles, was zufällig aus dem Mittelalter übrig geblieben ist;
  • Tradition, d.h. die Quellen, die damals mit der Absicht hergestellt wurden, Informationen an die Nachwelt weiterzugeben.

Eine andere Gliederung unterscheidet:

  • materielle Quellen, z. B. archäologische Funde, Insignien u. dgl.;
  • sprachliche Quellen, z. B. Urkunden, Akten, Chroniken, Tagebücher, Legenden etc.
  • strukturelle Quellen, z. B. Rechtssysteme, Grenzen, Brauchtum usw.

Die wichtigste Quelle zur mittelalterlichen Geschichte ist die Bibel. Sie dient (ähnlich wie der Koran im islamischen Bereich) nicht nur der religiösen Unterweisung, sondern auch als Basis politischer Entscheidungen und Anschauungen, als gesellschaftliche Richtschnur, als naturwissenschaftliches Lehrbuch, als Textgrundlage des schulischen Elementarunterrichts und überhaupt als Zitatenschatz für jegliche Gelegenheit.


Überreste


sprachliche
Quellen

Bibel und
Bibelinter
pretation


Überreste

Überreste sind gewöhnlich Quellen materieller Art, z.B.

Aber auch schriftliche Quellen können Überreste sein, z.B.

Die Auffindung und Bereitstellung der Überreste ist meist Aufgabe der Archäologie; bei ihrer Interpretation sollten Archäologen und Historiker zusammenarbeiten.

N. B.: für die praktische Arbeit des Historikers ist die theoretische Unterscheidung zwischen Überresten und Tradition meist bedeutungslos.


sprachliche Quellen

Sprachliche Quellen werden teils mündlich, meist aber schriftlich überliefert. Mitunter wird eine mündliche Tradition später schriftlich fixiert.
Die schriftlichen Quellen sind erzählende oder dokumentarische Texte.

Erzählende Quellen: (wenn Sie auf das Bild klicken, öffnete sich ein neues Fenster mit Erklärungen und Beispieltexten)

  • Chroniken (im Mittelalter in der Regel Weltchroniken)
  • Annalen (jahrweise geordnete Aufzeichnungen, hervorgegangen aus den Ostertafeln)
  • Viten (Biographien von Heiligen, seltener auch von Herrschern, Bischöfen oder Äbten)
  • Gesta (Vitensammlungen für eine Dynastie, einen Bischofssitz oder ein Kloster)
  • Origines (teils sagenhafte Berichte über die Herkunft eines Volkes)

Dokumentarische Quellen: (wenn Sie auf das Bild klicken, öffnete sich ein neues Fenster mit Erklärungen und Beispieltexten)

  • Urkunden
  • Akten
  • (politische) Briefe
  • Gesetze
  • Nekrologien und Verbrüderungsbücher (Aufzeichnungen über den Todestag eines Mönches aus dem eigenen oder einem befreundeten Kloster zum Zwecke des jährlichen Gebetsgedenkens)
  • Genealogien
  • Urbare (Güter- und Abgabenverzeichnisse)

Daneben gibt es noch weitere seltenere Formen.

Die Art der Quelle muß bei der Quellenkritik beachtet werden.


Bibel und Bibelinterpretation


Aufbau der Bibel Altes Testament Neues Testament
historische Bücher
5 Bücher Moses:
Genesis
Exodus
Leviticus
Numeri
Deuteronomium
Josue
Richter
Ruth
1. + 2. Samuel (= 1. + 2. Könige)
1. + 2. Könige (= 3. + 4. Könige)
1. + 2. Chronik
1. + 2. Esdras
Tobias
Judith
Esther
1. + 2. Makkabäer
Evangelium nach Matthäus
Evangelium nach Markus
Evangelium nach Lukas
Evangelium nach Johannes

Apostelgeschichte

belehrende Bücher Hiob
Psalmen
Sprüche
Prediger
Hohes Lied
Weisheit
Jesus Sirach
Briefe des Paulus:
an die Römer
an die Korinther I + II
an die Galater
an die Epheser
an die Philipper
an die Kolosser
an die Thessalonischer I + II
an Timotheus I + II
an Titus
an Philemon
an die Hebräer
 
"katholische" Briefe:
des Jakobus
des Petrus I + II
des Johannes I, II + III
des Judas
prophetische Bücher
"große" Propheten:
Isaias
Jeremias
mit Klageliedern
und Baruch
Ezechiel
Daniel

"kleine" Propheten:
Osee
Abdias
Joel
Amos
Jonas
Michaeas
Nahum
Habakuk
Sophonias
Aggaeus
Zacharias
Malachias

Apokalypse


Probleme der Bibelübersetzung:

Die Bücher des Alten Testamentes sind überwiegend in hebräischer Sprache niedergeschrieben. Für die Juden in Alexandria wurde eine Übersetzung ins Griechische angefertigt, der Legende nach von 70 Übersetzern; die Übersetzung heißt deshalb Septuaginta (abgekürzt: LXX).

Für die lateinischen Christen wurde das Alte Testament zunächst aus der LXX übersetzt; diese Übersetzung heißt Vetus Latina (früher fälschlich auch Itala genannt). Die Vetus Latina ist in populärer Sprache verfaßt und bildet eine wichtige Quelle für das sog. Vulgärlatein.

Durch die zweimalige Übersetzung vom Hebräischen über das Griechische ins Lateinische kam es zu Fehlern und Ungenauigkeiten. Deshalb ließ Papst Damasus I. durch Hieronymus das Alte Testament direkt aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzen. Da sich diese Übersetzung durchgesetzt hat, heißt sie die "Gewöhnliche", lateinisch: Vulgata.

Die Vetus Latina wurde dadurch aber nicht überflüssig. Da das Griechische, auf dem sie beruht, eine der drei "Heiligen Sprachen" ist (neben dem Hebräischen und Lateinischen), verkündet auch sie die göttliche Wahrheit. Dies ist z.B. bei den Zahlenangaben in der Genesis von Bedeutung, die man zur Berechnung der Weltschöpfung heranzieht. Die mittelalterlichen Autoren sprechen in diesem Zusammenhang geradezu von einer veritas hebraica (= Vulgata aus der hebräischen Bibel) und einer veritas graeca (= Vetus Latina aus der LXX).

Die Bibel wurde schon sehr früh auch in die Volkssprachen übersetzt, zunächst einzelne Teile, dann der gesamte Text. Die älteste gedruckte deutsche Bibel stammt von 1466.


Littera gesta docet; quid credas, allegoria;
moralis, quid agas; quo tendas, anagogia.

Dieser Merkvers erläutert die antike und mittelalterliche Technik der

Bibelinterpretation

gemäß dem "vierfachen Schriftsinn". Danach hat jede Bibelstelle nicht nur

  • den historischen oder Litteralsinn,

sondern auch drei geistige Bedeutungsebenen, nämlich

  • den heilsgeschichtlichen oder allegorischen Sinn,
  • den seelsorglichen oder moralischen Sinn,
  • den endzeitlich-apokalyptischen oder anagogischen Sinn.

Beispiele: historischer
Sinn
heilsgeschichtlicher
Sinn
seelsorglicher
Sinn
endzeitlicher
Sinn
Jerusalem
die Stadt in Palästina
die Kirche
die Seele des einzelnen Gläubigen
das himmlische Jerusalem
Melchisedech
der Priesterkönig von Salem
Christus auf Erden
bis ca. 1200:
der Kaiser
seit der Zeit Innozenz' III.:
der Papst
Christus als ewiger Hoherpriester
Eva
die erste Frau im Paradies
Maria
die Kirche
das apokalyptische Weib


© Th. Frenz 2002         zurück zum Kapitelanfang