Urkundenfälschungen

TypenAuffassungentechnische VorgängeEntlarvung

Typen: Urkundenfälschung ist ein häufiges Phänomen im Mittelalter. Man unterscheidet folgende Typen von Fälschungen:
  1. eigentliche Fälschungen: eine Urkunde wird frei erfunden und hergestellt,
  2. Verfälschungen: eine vorhandene echte Urkunde wird manipuliert,
  3. Falschbeurkundung: der (an sich berechtigte) Aussteller beurkundet wissentlich die Unwahrheit.

Jedoch sind die Auffassungen von "echt" und "falsch" gegenüber der heutigen juristischen Sicht etwas verschoben. Mittelalterlicher Sicht entspricht daher eher eine Einteilung in

  1. Urkunden, die inhaltlich den Tatsachen entsprechen,
  2. Urkunden, die inhaltlich nicht den Tatsachen entsprechen,
  3. Urkunden, die den Tatsachen entsprechen, so wie sie eigentlich sein sollten.

Auffassungen: bei Urkunden, die formal gefälscht sind, aber Kategorie 1 oder 3 zugeordnet werden können, gibt es also kein oder nur ein eingeschränktes subjektives Unrechtsbewußtsein. Beispiele:

  • das Archiv ist abgebrannt; die vernichteten Urkunden werden ohne Wissen der Aussteller "wiederhergestellt";
  • bei der Klostergründung ist keine Gründungsurkunde ausgestellt worden (etwa, weil dies im frühen Mittelalter noch nicht üblich war). Sie wird im 13. Jahrhundert, als das kanonische Recht Schriftlichkeit verlangte, fingiert;
  • in die Besitzliste der Königsurkunde werden die Namen von Gütern "eingefügt", die man nach Ausstellung der Urkunde rechtmäßig erworben hat;
  • um sich gegen die Gewalttätigkeit eines benachbarten Adligen zu wehren, wird ein königliches Schutzprivileg erfunden;
  • zur höheren Ehre der eigenen Institution werden die Rechte "beurkundet", die ihr eigentlich zuständen.

Das heißt aber nicht, daß nicht auch ganz bewußt und mit krimineller Energie gefälscht wurde. Es kommt auch vor, daß (moderne) Wissenschaftler zu Fälschern werden, um eine sonst nicht belegbare These zu erhärten

Technische Vorgänge: es gibt im wesentlichen folgende Möglichkeiten, die Urkunde den eigenen Wünschen anzupassen:

  • vollständige Neuanfertigung eines Falsifikates, dem man ein ebenfalls gefälschtes Siegel anhängt. Oder man hängt von einer echten Urkunde das Siegel an das Falsifikat um (wodurch die echte Urkunde alllerdings wertlos wird);
  • Rasuren und Neubeschriftung bei einer echten Urkunde, die also unverdächtige Beglaubigungsmittel trägt. Dies kann so weit gehen, daß nach Art eines Palimpsestes der gesamte Text abgeschabt und erneuert wird;
  • Kanzleifälschung: die rechtmäßig mit der Ausstellung der Urkunden beauftragten Personen stellen eine Urkunde gegen den Willen (oder ohne Wissen) des Ausstellers aus. Solche Fälschungen sind besonders schwer zu entlarven, weil alle formalen Elemente korrekt sind;
  • durch einen bestechlichen öffentlichen Notar läßt man eine falsche beglaubigte Abschrift anfertigen. Diese Methode ersetzt im Spätmittelalter weitgehend die materielle Anfertigung eines Falsifikates.

Entlarvung von Fälschungen: schon im Mittelalter gibt es Anleitungen zum Erkennen von Fälschungen und einige spektakuläre Fälle der Entlarvung von Falsifikaten. Die moderne Urkundenkritik achtet v.a. auf Anachronismen der äußeren Merkmale (Schrift, Ausstattung, Siegel) und der inneren Merkmale (Titel, Stil, Datum) und auf inhaltliche Unstimmigkeiten.


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