Abkürzungen im Mittelalter

1. Einleitung

2. Allgemeine Definition - Was sind Abkürzungen?

3. Funktionale Betrachtung

4. Klassifikation nach Cappelli

4.1 Abkürzung durch Abbrechung
4.2 Abkürzung durch Kontraktion
4.3 Abkürzung durch Abkürzungszeichen mit eigener Bedeutung
4.4 Abkürzung durch Abkürzungszeichen mit veränderlicher Bedeutung
4.5 Abkürzung durch übergeschiebene Buchstaben
4.6 Abkürzung durch konventionelle Zeichen

5. Klassifikation nach Santifaller

5.1 Abkürzungszeichen
5.1.1. Der Punkt
5.1.2. Das Häkchen
5.1.3. Die Verbindung von Punkt und Häkchen
5.1.4. Der Strich
5.1.5. Besondere Abkürzungszeichen

5.2. Die verschiedenen Arten der Abkürzungen
5.2.1. Tironische Noten
5.2.2. Notae iuris
5.2.3. Nomina sacra
5.2.4. Suspension und Kontraktion
5.2.5. Uneigentliche Abkürzungen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

 

1. Einleitung

Die "Brachygraphie" oder anders ausgedrückt, die Kunst abgekürzt zu schreiben entstand sehr früh aus dem Bedürfnis heraus, beim Schreiben einerseits Platz und andererseits natürlich Zeit zu sparen. Dieses Bestreben war schon im Mittelalter weit verbreitet und erfüllte die eben genannten Bedürfnisse sehr gut, jedoch war und ist die Brachygraphie noch heute die Ursache schwerer Irrtümer bei der Interpretation von alten Schriftwerken . Auch heute werden zahlreiche Substantive, Redewendungen etc. abgekürzt, wohl aus den gleichen Ursachen heraus wie im frühen Mittelalter. Im Deutschen dürften gegenwärtig mindestens 50000-60000 Abbreviaturen üblich sein, ganz abgesehen von den unzähligen gelegentlichen, individuellen, situationsbedingten, lokalen und so genannten "Gebrauchs- oder Hilfsabkürzungen"; die Fülle von Zeichen und Symbolen ist in dieser Zahl noch nicht berücksichtigt . Dies führt dazu, dass der Gesamtumfang der Abbreviaturen ständig zunimmt, man denke alleine an den Sprachgebrauch der Jugend, vor denen wohl kein Wort sicher ist und nicht abgekürzt werden könnte. Dr. Heinz Koblischke schreibt zu dieser Problematik: " Bedenkt man, dass sich fast jedes einzelne Wort abkürzen läßt, und zwar oft in verschiedener Weise, daß die Möglichkeiten der Bildung und Abkürzung mehrgliedriger, d.h. aus mehreren Wörtern bestehender Begriffseinheiten ( z.B. Organisationsnamen) nahezu unbegrenzt sind und die modernen Lebensformen zu einem immer größeren Informationsaustausch, zu einer immer stärkeren Internationalisierung ( und damit Konfrontation auch mit ausländischen Ausdrücken und Abbreviaturen!) drängen, dann gewinnt man eine Vorstellung davon, wie weitreichend und produktiv dieses Gebiet wirklich ist, wie sehr gleichzeitig aber die Gefahr anwächst, dass die meisten Abkürzungen gar nicht mehr verständlich sind und so ihren eigentlichen Sinn und Zweck verfehlen."
Diese Arbeit richtet ihr Augenmerk jedoch auf die Zeit des Mittelalters und die damals gängigen Abbreviaturen und lässt somit eine Einschränkung zu, die es ermöglicht, alle mittelalterlichen Abkürzungen, sowohl lateinischer als italienischer Wörter, in sechs Gruppen einzuteilen. Diese Klassifikation orientiert sich an dem Standardwerk für lateinische und italienische Kürzungen, dem "Lexicon Abbreviaturarum", herausgegeben von Adriano Cappelli im Jahre 1899. Es werden ebenso andere Autoren herangezogen, denn die von Cappelli vorgegebene Systematik der Abbreviaturen, die weitgehend auf dem nur wenige Jahre zuvor erschienen "Versuch" Cesare Paolis beruht, ist zu eng, um die Vielfalt der vorkommenden Abbreviaturen gerecht zu werden, und darüber hinaus in vielen Details ahistorisch.
An nächster Stelle soll vorerst eine kurze Definition der Abbreviaturen erfolgen und einem nächsten Schritt eine funktionale Betrachtung der Abbreviaturen erfolgen.

2. Allgemeine Definition - Was sind Abkürzungen?

Laut der Definition von M.Avi-Yonahs sind Kürzungen "arbeitssparende Schriftanwendungen, bei der Wörter nur durch einen Teil ihrer Buchstaben angedeutet werden; ein Zeichen zur Kenntlichmachung der Abbreviatur kann hinzutreten." In dieser Arbeit sollen die Begriffe "Kürzung" und "Abbreviatur" synonym benutzt werden. Vorsicht ist beim Wort "Abkürzung" geboten, denn bei ihm kann missverständlich nur die Kürzung am Schluss eines Wortes verstanden werden, daher wird dieser Begriff in der Arbeit nicht mehr gebraucht. Das Präfix "Ab-" des Wortes "Abbreviatur" sollte folglich in dieser Arbeit auch angepasst werden zum Wort "Breviatur", dies wiche aber zu sehr vom herkömmlichen Sprachgebrauch der Paläographie ab. Die Paläographie ist die Wissenschaft, die sich mit den Schriftarten des Altertums auseinandersetzt und neben der Linguistik die Wissenschaft, die maßgeblich an der Erforschung von Kürzungen beteiligt ist.
Eine Aufteilung der Kürzungen erfolgt nach Müller, Hundsnurscher und Sommer "einmal hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe so genannter "Kürzungsarten" […] , zum zweiten hinsichtlich der verwendeten Zeichen und drittens in bezug auf die nächstgrößere Textentität wie Silbe, Wort, Zeile, Seite und Text."

3. Funktionale Betrachtung

Kürzungen haben mehrere, verschiedene Funktionen für Niederschrift und Gestaltung von Texten. Die offensichtlichste Funktion ist die Ersparnis von Zeit und Raum auf Seiten des Schreibenden. Daneben müssen aber noch weitere Funktionen berücksichtigt werden. Die Autoren führen weitere fünf Funktionen auf:
" a. Schreiber benutzen Kürzungen, um Texte übersichtlicher zu gestalten und dadurch besser lesbar zu machen.
b. Kürzungen werden benutzt zum Erreichen und Bewahren bestimmter Layoutvorstellungen
c. Kürzungen dienen dem Erzeigen von Reverenz, Ehrfurcht und diplomatischer Höflichkeit.
d. Die Kenntnis bestimmter Kürzungen signalisiert dem Leser, daß der Schreiber professionell mit dem Schriftverkehr umzugehen vermag.
e. Kürzungen können eingesetzt werden, um Texte künstlich zu verschleiern. So wird im Interesse die hinter dem Text stehende Person geweckt.
f. Kürzungszeichen werden mitunter als Zierelemente einer Schrift verwendet."
Nach dieser kurzen funktionalen Betrachtung wird nun ein grober Überblick über die Erforschung der Abbreviaturen gegeben. Dazu wird auf die Klassifikation von Cappelli näher eingegangen und zur Gegenüberstellung erfolgt eine kurze Übersicht der Klassifikation von Prof. Santifaller, der die Abkürzungen des frühen Mittelalters anhand von päpstlichen Urkunden untersucht hat.


4. Klassifikation nach Cappelli

Adriano Cappelli führt den Ursprung des mittelalterlichen Brachygraphiesystems auf das System der Sigel zurück, d.h. es wurden einzelne Buchstaben anstelle von ganzen Wörtern benutzt, ähnlich wie es die in den Zeiten der Römer üblich war, oder auch auf die so genannten Tironischen Noten, eine Art Stenographie, die damals in erster Linie dazu diente, öffentlich gehaltene Reden schnell notieren zu können, und die bis ins 9.Jahrhundert gebraucht wurden.
Cappelli ordnet alle mittelalterlichen Abkürzungen in sechs Gruppen ein:

4.1. Abkürzungen durch Abbrechung

"Durch Abbrechung abgekürzt nennt man solche Wörter, von denen nur der erste Teil ausgeschrieben wird, die fehlenden Schlussbuchstaben aber durch ein Abkürzungszeichen dargestellt sind." Er grenzt dieses Zeichen noch weiter ab und gibt ihm eine doppelte Bedeutung bzw. Art. Die erste Art ist ein allgemeines Zeichen, dass einfach andeutet, dass ein Wort abgekürzt wurde, ohne näher anzugeben, auf welcher Art und Weise. Die zweite Art ist ein Abbrechungszeichen, das angibt, dass am Wortende einige Buchstaben fehlen.


Die allgemeinen Zeichen wurden alle über das Wort gesetzt, wobei sie entweder für sich standen oder mit langschaftigen Buchstaben verflochten wurden. Die letzten drei Zeichen in der Reihe der Allgemeinen Zeichen wurden besonders lange Zeit in den päpstlichen Bullen oder in Diplomen der damaligen Könige verwendet. Zu den Abbrechungszeichen lässt sich sagen, dass der Punkt, sichtbar an erster Stelle in der 2. Reihe, hauptsächlich hinter Sigeln verwendet wurde und noch heute mit der gleichen Bedeutung gebraucht wird. Die folgenden Zeichen dieser Reihe schnitten die drei ersten den letzten Buchstaben des abgekürzten Wortes in schräger Linie, die letzten waren mit ihm verbunden. Cappelli merkt zudem an, dass das vorletzte Zeichen, dass einerseits das Fehlen jedes beliebigen Endbuchstaben eines Wortes anzeigen kann und andererseits häufig dazu verwendet wurde, um die Endung "is" zu bezeichnen. Das drittletzte Zeichen hingegen wurde dazu gebraucht, um die Endungen "dum" und "dam" zu ersetzen. Zur Veranschaulichung mögen
folgende Beispiele nützen:

Die größte Gruppe bei den Abkürzungen durch Abbrechung wird durch die der Sigel vertreten. Diese bieten bei der Interpretation der Abkürzungen die größten Schwierigkeiten dar, da sie von dem gesamten Wort nur den Anfang dessen beibehalten haben. Daher wurde ein Regelsystem zur Interpretation der Sigel entwickelt, dass bei der Deutung dieser helfen soll. Dieses an dieser Stelle auszuführen, würde den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen, es sei nur darauf hingewiesen, dass das damals sehr beliebte System der Sigel in den mittelalterlichen Schriften des 8. und 9. Jahrhunderts den weniger radikalen und daher viel leichter zu verstehenden Kürzungen wich. Ein Beispiel hierfür wäre die Kürzung AUG. , die für Kaiser Augustus verwendet wurde, oder am für amen. Dieses einfachere System der Kürzung war jedoch nicht das gebräuchlichste im Mittelalter. Man ging soweit, dass man die schon gekürzten Wörter noch weiter kürzte und zwar durch Auslassung eines Buchstaben in der Mitte des Wortes. Als Beispiel soll hier das Wort "Kalendas" dienen. Anfangs wurde es in "Kal" und später zu "Kl" weiter verkürzt. Weitere Beispiele sind:

4.2. Abkürzung durch Kontraktion

Abkürzungen durch Kontraktion nennt man diejenigen Wörter, bei denen ein oder mehrere Buchstaben in der Mitte ausgelassen werden und dieser Mangel durch ein allgemeines Kürzungszeichen angedeutet wird. Paoli trennt diese Kürzungsarten in reine und gemischte Kontraktionen. Als reine Kontraktionen bezeichnet er sie dann, "wenn sie die ersten und letzten Buchstaben des kontrahierten Wortes ohne irgend einen der mittleren bewahren[.]" Dies ist bei den Wörtern omnia oder praesens der Fall: oa = omnia, pns = praesens; Gemischte Kontraktionen treten bei Wörtern auf, bei denen nicht nur der Anfangs- und Endbuchstabe erhalten sind, sondern auch der mittlere Buchstabe. Das führt dazu, dass sich zwei oder mehr Kontraktionen in einem Wort finden, so z.B.:

Die Kontraktionen können entweder im unveränderlichen Teil des Wortes auftreten, oder sich auf dessen Endung erstrecken. In den meisten Fällen wird der unveränderliche Teil des Wortes gekürzt, und die Endung wird meist auf den letzten Buchstaben beschränkt wiedergeben. Ein Beispiel hierfür wären die Wörter elementum, das zu elm gekürzt wird, oder rectus, in rcs gekürzt.

4.3.Abkürzungszeichen mit eigener Bedeutung

Abkürzungszeichen mit eigener Bedeutung zeigen an, welche Elemente bzw. Buchstaben im abgekürzten Wort fehlen. Solche sind:

Die in Zeile I. auftretenden Linien, d.h. die gerade oder leicht gekrümmte Linie, wurden oft gebraucht, um das Fehlen der Buchstaben m und n anzuzeigen. Die Abkürzungen cod° für das Wort conditio oder comue für commune verdeutlichen dies.
Besonders mit der Bedeutung von m wurde es im Mittelalter oft für die Endungen am, em, um gebraucht .
In Zeile II. tritt ein Zeichen auf, dass der arabischen Ziffer 9 sehr ähnlich und eines der ältesten Abkürzungszeichen ist. Dies lässt sich aus dem Umstand heraus erklären, dass man dieses Zeichen in den gesammelten Sigeln des Valerius Probus und unter den Tironischen Noten gefunden hat, wo es immer die Bedeutung von con bzw. cum angenommen hat.
Das Zeichen in Zeile III. ist dem der II. sehr ähnlich, nimmt es jedoch in vielen Fällen die Gestalt eines großen Kommas an, dass meistens über der Zeile oder am Ende des Wortes stand. Mit diesem Zeichen wurde die Endungen us, os, is und s der Wörter bezeichnet:

In Zeile VI. sieht man ein Zeichen, dass nur aus einer Wellenlinie besteht und unserem u sehr ähnelt. Dieses Zeichen wurde über die Wörter gesetzt, um das Fehlen des Buchstaben r oder einer Silbe, zu der ein r gehört, wie re, ra, ar, anzuzeigen. Z.B.:

Im XIV. und XV. Jahrhundert verändert sich dieses Zeichen, das verbreitet in Manuskripten in gotischer Schrift auftaucht, in eine zerstückelte Linie oder in zwei horizontal nebeneinander stehende Punkte:

Die Zeile V. zeigt ein Zeichen, das nach Art der arabischen Ziffer 2 oder eines liegenden s gestaltet ist. Es handelt sich dabei um nichts anderes als der Buchstabe r in gotischer Schrift. Wie bei den anderen Zeichen auch, wird dieses entweder über dem Wort oder am Wortende gesetzt. Seine Bedeutung in den mittelalterlichen Schriften war die der Endung ur oder tur, selten konnte es auch die Silben er und ter bedeuten, dann aber nicht am Wortende. Z.B.:

Auch in Zeile VI. ist ein Zeichen zu sehen, das der arabischen Ziffer 2 sehr ähnlich ist, doch am Schwanz von einer schrägen Linie geschnitten wird. Es wurde fast immer auf die Linie gestellt und an das Ende der Wörter, um die Silbe rum zu bezeichnen. Es soll aber darauf hingewiesen sein, dass die schräge Linie auch eine Abbrechung bedeuten kann ( siehe dazu: Abkürzungen durch Abbrechung). Dieses Zeichen weist dann auf ein mit r anfangenden Wortschluss hin:

In der VII. und letzten Zeile steht ein Zeichen, welches der arabischen Ziffer 7 ähnlich ist und in seiner lateinischen Bedeutung et bzw. in seiner italienischen Bedeutung e, also "und" gebraucht wurde. Es wurde sowohl allein stehend als Konjunktion, wie im Wortzusammenhang gebraucht. Das Zeichen "&", dass heute noch weit verbreitet ist, kann als Synonym zu den oben genannten Zeichen verstanden werden. Eine Linie über dem Zeichen gibt ihm den Wert von etiam (=auch) und, am Wortende stehend, von ent.:


4.4 Abkürzungszeichen mit veränderlicher Bedeutung

Es sollen im Folgenden diejenigen Abkürzungszeichen aufgeführt werden, die, wie oben, anzeigen, welche Elemente im Wort fehlen, jedoch deren Bedeutung keine eigentümliche und feststehende, sondern je nach Buchstaben, über den das Zeichen gesetzt oder verbunden wird, veränderlich sind. Zu diesen zählen:

In Zeile I. sehen wir als erstes Zeichen die gerade Linie, die schon unter 3. behandelt wurde, jedoch nicht mehr das Fehlen der Buchstaben m und n anzeigt, sondern verschiedene Bedeutungen hat. Wie folgende Beispiele zeigen, schneidet dieses Zeichen den langen Schaft der Buchstaben d, h, l oder steht bzw. durchschneidet den Fuß der Buchstaben p und q:

In Zeile II. sehen wir einen Punkt, einen Doppelpunkt, das Semikolon und das der arabischen Zahl 3 ähnliche Zeichen. Diese Zeichen wurden fast ausschließlich am Wortende und auf die Zeile gesetzt. Hinter dem Buchstaben b (b. b: b; b?) bedeuten die Zeichen immer us und die beiden letzten Zeichen konnten auch für die Konjunktion et gebraucht werden. Das " ;" hinter dem Buchstaben s taucht sehr häufig in lombardischen Urkunden des 12. Jahrhunderts auf und steht für die Endung is am Wortende. Das Zeichen " ?" wurde im 14. Jahrhundert für est benutzt, entweder allein stehend oder am Wortende. Ein Beispiel wäre die Kürzung des Verbs prodesse: prod?= prodest . Punkte über den Buchstaben h und u, geben den Wörtern den Wert von hoc = hier bzw. ut = wie;als, sobald als(…); Zur Veranschaulichung mögen folgende Beispiele dienen:

Die Zeichen der II. Zeile können noch weitere Bedeutungen annehmen, hier sei aber wegen des begrenzten Umfangs dieser Arbeit auf das "Lexicon Abbreviaturarum" hingewiesen, um die weiteren Bedeutungen nachzuschlagen.
Die schräge Linie in Zeile III. ist an beiden Enden oft hakenförmig gekrümmt und konnte auf fast alle Buchstaben des Alphabets angewendet werden. Die Buchstaben wurden durch diese Linie durchschnitten und nahmen dabei die verschiedensten Bedeutungen an. Die Funktion dieses Zeichens war es, das Fehlen der Silben er, ar, re anzuzeigen. Dieses Zeichen wurde oft durch andere Zeichen ersetzt. Darunter fallen ein umgekehrtes Fragezeichen, außerdem ein Zeichen, dass dem für us sehr ähnlich ist, oder eine leicht gewellte, über dem Buchstaben angebrachte Linie.
Dieses Zeichen wurde nicht, wie in den Fällen oben, dazu verwendet Sigel oder die letzten Buchstaben einer Abbreviatur, sondern die Anfangs- oder mittleren Buchstaben der Wörter zu schneiden. Eine weitere Besonderheit dieses Zeichens ist, dass sich seine Bedeutung dann völlig ändert, wenn über ihm eine Linie oder ein Buchstabe steht. Dies soll für den Buchstaben q mit folgenden Beispielen veranschaulicht werden:

Das Zeichen der IV. Zeile könnte auch als der Buchstabe z unseres Alphabets bzw. als arabische Ziffer 2 gesehen werden. Es wurde hinter dem Buchstaben q mit dem Wert von quia (=wie, warum; weil, da) verwendet. Stand dieses Zeichen alleine, so wurde es oft für et, bei einer darüber stehenden Linie für etiam gebraucht. Bei den Buchstaben u, a hatte es den Wert von m und hinter dem Buchstaben s den von et oder ed. Z.B.:

Trotz dieser Varianten bleibt das am konventionellesten gebrauchte Zeichen immer das erste, nämlich das für quia ( = q² ). Dieses Zeichen findet sich in der Bedeutung von et und m in lombardischen Schriften und in den ersten Drucken des 15. Jahrhunderts.

4.5. Abkürzungen durch übergeschriebene Buchstaben

Bei den Abkürzungen dieser Gruppe zeigen die über den Wörtern stehenden Vokale und Konsonanten die Endung des Wortes an, wenn sie sich am Ende des Wortes befinden. Daneben verweisen die Vokale, die über Konsonanten gesetzt werden, auf das Fehlen des Buchstaben r. Sie stehen also für ar, er, ir, or, ur sowie für ra, re, ri, ro, ru. Dazu einige Beispiele:

Auf die Besonderheiten der einzelnen Buchstaben dieser Gruppe wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen, doch sei darauf hingewiesen, dass sich in dieser Gruppe seltener die Konsonanten als die Vokale übergeschrieben finden und vor allem die mit langem Schaft, da sie zu viel Raum beanspruchen.

4.6. Konventionelle Zeichen

In dieser Kategorie finden sich die Abkürzungen, die ein Wort oder eine Redewendung darstellen sollten, die häufig im Gebrauch waren. Diese waren in den meisten Fällen allein stehend und zumeist nicht alphabetische Zeichen. Es wurde schon in Abschnitt 3. von den Abkürzungszeichen mit eigener Bedeutung gesprochen. In dieser Kategorie tauchen nun wieder Zeichen auf, die dort schon behandelt wurden und auch als konventionelle Zeichen gelten. Darunter zählen die Zeichen 9 und das umgekehrte C in dem Sinne von con und cum und die beiden gebräuchlichsten Zeichen für die Konjunktion et, das unserer 7 ähnlichen Zeichen und das Zeichen &. Mit Ausnahme des letzten Zeichens stammen alle anderen von den alten Tironischen Noten ab und wurden in fast allen Schriften des Mittelalters gebraucht.
Es tauchen außerdem einige bemerkenswerte Zeichen auf, die verwendet wurden, um est und esse zu benennen, sowohl allein stehend als auch im Wortzusammenhang. Diese wären ÷ und = ; auch bei diesen Zeichen treten im Laufe der Zeit Veränderungen auf.
Einige andere, seltsame Zeichen wurden im Mittelalter und auch in neueren Zeiten gebraucht, um Gewichte, Masse oder Münzen zu bezeichnen. Als Beispiel soll hier das Zeichen der alten italienischen Währung Lira angeführt werden, deren konventionellste Form ein einfaches oder doppeltes L ist bzw. war, das aber oft von der konventionellen Form abweicht und von Abkürzungszeichen verändert ist:

Zu den Gewichstmaßen soll das Zeichen für Unze (Gewicht) erwähnt sein, welches im 15. bis 17. Jahrhundert die Form einer Spirale hatte. Im Wesentlichen aber war dieses Zeichen nichts anderes als die mit einem einzigen Federzug geschriebene Silbe oz (onze). Als äußert interessant erweist sich das Zeichen des Galgens, dass im 15. Jahrhundert auf die dringlichen Briefe der Fürsten gesetzt wurde, als Drohung für den Kurier:

Römische und arabische Zahlschrift

Zu diesem Punkt sei nur kurz anzumerken, dass die von den Römern gebrauchten Zahlenzeichen nichts anderes als Abbreviaturen waren. Die Römer benutzten zum Ausdruck der Menge fast ausschließlich die Buchstaben ihres Alphabetes.
Die arabischen Zahlen, die ihres Ursprungs her aus Indien kamen, wurden erst gegen Ende des 9. Jahrhunderts von der Arabern übernommen und von ihnen als die indische Ziffern bezeichnet.

5. Klassifikation nach Santifaller

Der ausführlichen Beschäftigung mit Cappelli´s Klassifikationen soll nun eine andere Klassifikation gegenübergestellt werden. Diese stammt von Prof. Dr. phil. Leo Santifaller und seine Klassifikation wird anhand seines Werkes: " Abkürzungen in den ältesten Papsturkunden (788-1002) untersucht.
Für Santifaller kommen in mittelalterlichen Handschriften und Urkunden nur folgende Abkürzungszeichen in Frage: 1. Der Punkt, 2. Das Häkchen, 3. Die Verbindung von Punkt und Häkchen, 4. Der Strich, 5. Besondere Abkürzungszeichen. Nach der Betrachtung mit den Zeichen, die nicht detailliert zu behandeln sind, da sie im Großen und Ganzen gleich sind mit denen Cappelli´s, wird noch auf die verschiedenen Arten der Abkürzungen einzugehen sein. Santifaller teilt diese in 1. Tironische Noten, 2. Notae iuris, 3. Nomina sacra und 4. Suspension und Kontraktion ein.
Die folgende Klassifikation beinhaltet nur Beispiele, es kann also nicht der Anspruch auf Vollständigkeit des Abbreviaturensystems erhoben werden. So fallen die Gliederungspunkte Notae iuris und Nomina sacra sehr dürftig aus, da das nötige Material zur Bearbeitung nicht zur Verfügung stand.

5.1. Abkürzungszeichen
5.1.1.Der Punkt

Der Punkt kann als Abkürzungszeichen nicht alleine und selbstständig vorkommen. In den untersuchten Papsturkunden findet er sich im Eschatokoll nach Worten, die schon durch einen Strich gekürzt sind. Der Punkt taucht aber auch nach ungekürzten Wörtern in der selben Zeile auf, fungiert also als Interpunktion, so dass man annehmen kann, dass er auch bei den bereits anderweitig gekürzten Wörtern nicht als Abkürzungszeichen, sondern als Interpunktion steht.

5.1.2. Das Häkchen

Die einfachste Form des Häkchens ist das Apostroph, kann aber auch als Haken auftreten. Es kommt häufig in der Mitte des 10. Jahrhunderts vor, vor allem als Silbe bzw. Endung von que, um, ur, us usw. Die Häkchenabkürzungszeichen sind nahe verwandt mit den S-förmigen Strichabkürzungen und gehören mit diesen in eine Gruppe, auch wenn sie sich graphisch voneinander unterscheiden.

5.1.3. Die Verbindung von Punkt und Häkchen

Die Verbindung zwischen Punkt und Häkchen tritt auch in der Mitte des 10. Jahrhunderts verbreitet auf und wird hauptsächlich für die Silben und Endungen que und us angewandt. Dieses Kürzungszeichen wurde Ende des Jahrhunderts oft durch zwei Punkte mit einem Häkchen ersetzt.

5.1.4. Der Strich

Die von Santifaller untersuchten Papsturkunden zeigen den Strich als häufigstes Abkürzungszeichen. So schreibt er, dass von 1222 Abkürzungszeichen, 1121 Strichabkürzungen vorgefunden habe. Der Strich trete dabei in verschiedenen Lagen und Formen auf: in horizontaler, vertikaler und schräg gestellter Lage sowie in Hoch-, Mittel- und Unterlänge. Seine Form nimmt in der ersten Periode bis Ende des 9. Jahrhundert eine haken- und schleifenförmig geschwungene Art an, letztere vergleichbar mit der Art von diplomatischen Abkürzungszeichen. Im Gegensatz zum Häkchen und dem Punkt, die ja nur für ganz bestimmte Abkürzungszeichen verwendet wurden, wird der Strich mit Ausnahme von que für alle Kürzungen verwendet.

5.1.5.Besondere Abkürzungszeichen

In den untersuchten Papsurkunden kommen von diesen Zeichen nur sehr wenige vor. Dazu zählen die tironischen Abkürzungen für ur und us: dicit (ur), agim (us) und cuius.

5.2. Die verschiedenen Arten der Abkürzungen
5.2.1. Tironische Noten

Der Begründer der Tironischen Noten Tiro ging bei der Schaffung de römischen Tachygraphie von dem Kürzungsverfahren aus, das in Rom seit dem 9. Jahrhundert üblich war: er übernahm die Abbreviatur durch Suspension und ließ dabei den Punkt weg, der den ´notae vulgares´ als Zeichen der Abkürzung hinzugefügt wurde. Die Bezeichnung der Endungen war dabei von geringerer Bedeutung, da es sich zunächst um Kürzungen für Vorsilben und kurze, meist indeklinable Wörter handelte. Dadurch schuf Tiro die ältesten Noten, die ´praepositiones´, die nur aus einem Hauptzeichen (signum principale) bestanden.

5.2.2 Notae iuris

Zu den Notae iuris gibt Santifaller folgende Beispiele an:
c, = cum, ee = esse, gra = gratia, p = per, = pro, q,q;q , = que, = qui,
qd (mit Kürzungsstrich durch die Oberlänge des d) = quod; außerdem werden die Häkchenabkürzungen für ur und us und das Zeichen für die Endung rum erwähnt.

5.2.3. Nomina sacra

In den ältesten Papsturkunden lassen sich folgende Gruppen von Nomina sacra feststellen:#39 #41


5.2.4. Suspension und Kontraktion

Wie wir schon bei Cappelli gesehen haben, handelt es sich bei Wörtern, die durch einen Strich oder Punkt abgekürzt werden entweder um Suspensionen oder Kontraktionen. In den päpstlichen Urkunden tauchen beide sehr häufig, vor allem im Protokoll und im Eschatokoll, auf. So z.B.:
augustus: aug für Nominativ und Dativ;
consulatum: c (mit Kürzungsstrich im Auslauf)
datum: dat ( mit Kürzungsstrich über dem t)

Weitere Kürzungen bei kirchlichen Wörtern im Protokoll und Eschatokoll:
episcopus : ep (mit verschnörkeltem Kürzungsstrich durch die Unterlänge des p)
venerabilis: uen
venerandae: uen ;

Es sei darauf hingewiesen, dass hier nicht alle Beispiele angeführt wurden, da der Umfang der Arbeit begrenzt ist.

5.2.5. Uneigentliche Abkürzungen

Uneigentliche Abkürzungen werden solche genannt, bei denen alle Buchstaben zwar ausgeschrieben werden, diese jedoch über- und ineinander gesetzt werden, um Zeit um Platz zu sparen. Diese tauchen auch in den von Santifaller untersuchten Papsturkunden häufig auf und zwar in der Form der litterae insertae . Darunter versteht man, dass der nachfolgende Buchstabe stark verkleinert in den vorhergehenden größeren Buchstaben hineingestellt wird. Dies wurde häufig bei Ehrenträgern wie nicht zuletzt beim Oberhaupt der Kirche, dem Papst gemacht.

Zusammenfassend lässt sich über die Untersuchung der ältesten Papsturkunden folgendes sagen: die Abkürzungen, die hier verwendet wurden, sind in ihrer Zahl sehr gering, erhöht sich jedoch seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die gängigsten Abkürzungszeichen sind, abgesehen von den wenigen besonderen Zeichen, der Punkt, das Häkchen und Strich und Häkchen. An Arten von Abkürzungen treten neben Tironischen Noten, Notae iuris, Nomina sacra, Suspension und Kontraktion und uneigentliche Abkürzungen auf. Das Abkürzungssystem der ältesten Papsturkunden beruht laut Santifallers Urteil auf Sigeln und Noten.


6. Fazit

Die Abbreviaturen der lateinischen Schriftsprache des Mittelalters weisen einzelne Subsysteme auf, die oben bereits erwähnt wurden: die Tironischen Noten, die Notae iuris, die Suspensionen, die Kontraktionen etc. Jeder Schriftbenutzer bediente sich in seinem Repertoire aus Elementen mehrerer dieser Unterabteilungen. Die deutschen Kürzungen bildeten bis ins 13. Jahrhundert nur ein Anhängsel der lateinischen Kürzungen, so dass sie in der Nutzung von diesen völlig abhängig sind.
Die Brachygraphie des Mittelalters kommt zum Erliegen, als allgemeine Abbreviaturzeichen nach dem determinativen System wie dem angehängten, senkrechten Strich und dem Punkt, eingeführt werden. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, der wohl wichtigste aber ist die Einführung des Buchdrucks mit den beweglichen Lettern. Den Druckern fällt bald auf, dass es in keinem Interesse liegen kann, die Erscheinungen der Handschrift mit den alten Typen nachzuahmen. So kommt es, dass die Typenapparate wegen der Imitation der Kürzungszeichen ausuferten.
Der Titel des Seminars "Die geheime Nachricht" lässt erhoffen, dass sich auch in dieser Arbeit Untersuchungen wieder finden, die eine Richtung der Abbreviaturen hin zu Geheimbotschaften mittels der Kürzungen weisen. Doch bei der Forschung zu dieser Arbeit bin ich auf derartige Erkenntnisse nicht gestoßen und beziehe mich auf oben erwähnte Funktionen der Abbreviaturen im Mittelalter.


7. Literaturverzeichnis


Boge, Herbert: Griechische Tachygraphie und Tironische Noten, Berlin, 1973

Cappelli, Adriano: Lexicon Abbreviaturarum, Leipzig, 1901

Grun, Paul, Arnold: Schlüssel zu alten und neuen Abkürzungen, Limburg, 1966

Koblischke, Heinz: Großes Abkürzungswörterbuch, Leipzig, 1978

Müller, Ulrich (Hrsg.), Hundsnurscher, Franz (Hrsg.), Sommer, Cornelius (Hrsg.): Geschichte der Kürzungen; Abbreviaturen in deutschsprachigen Texten des Mittelalters und der früher Neuzeit, in: Göpplinger Arbeiten zur Germanistik, Göppingen, 1997

Paoli, Cesare: Die Abkürzungen in der lateinischen Schrift des Mittelalters, Innsbruck, 1892

Santifaller, Leo: Die Abkürzungen in den ältesten Papsturkunden (788-1002), Weimar, 1939

Traube, Ludwig: Nomina Sacra; Versuch einer Geschichte der christlichen Kürzung, Darmstadt, 1967