Gotische Schrift

Die gotische Schrift entwickelt sich etwa seit der Jahrtausendwende, mit deutlicher regionaler Zeitversetzung, aus der karolingischen Minuskel, durch

Die so entstandene gotische Minuskel differenziert sich etwa vom 13. Jahrhundert an in folgende Varianten:

(Die Terminologie der Schriftvarianten hat jedoch noch keine befriedigende Lösung erfahren; die bislang vorgeschlagenen Systeme sind nicht allgemein rezipiert worden.)

Brechung: als Brechung bezeichnet man die Veränderung der runden Bögen der karolingischen Minuskel in spitze ("gebrochene") Winkel, wobei zugleich der Bandzug der Schrift immer stärker hervortritt. Sie läßt sich erklären als Folge einer seitlichen Pressung des Wortkörpers:

Bogenverbindung: durch die Bogenverbindung werden einander zugekehrte Bögen (z.B. in der Folge pc oder bd) aneinander gerückt und schließlich ineinander geschrieben, so daß eine Ligatur entsteht:

Auch durch diese Erscheinung schließt sich der Wortkörper enger zusammen.

Gotische Minuskel: die gotische Minuskel sieht wie folgt aus:

Sie weist gegenüber der karolingischen Minuskel zusätzliche bzw. veränderte Buchstabenformen auf:

  • das gerade d wird durch die unziale Form d  abgelöst,
  • zum i kommt das j (beide jetzt auch mit Punkt),
  • zur geraden r kommt das runde 2 , vornehmlich nach Buchstaben, die auf einen Bogen enden (b, o, p usw.),
  • neben das karolingische lange s tritt das runde s aus der Unziale, vornehmlich im Auslaut,
  • neben das u tritt das v , vornehmlich im Anlaut (aber beide Formen stehenfür Konsonant und Vokal).

Textura: die Textura ist die am stärksten stilisierte Variante der gotischen Schrift, die für die höchste Textebene (z.B. Missale oder Bibelhandschrift) verwendet wird. Sie wird recht gut durch die Bezeichnung "Gitterschrift" charakterisiert; vom 15. Jahrhundert an ist sie uach in epigraphischem Gebrauch.. Bei aller ästhetischen Vollkommenheit ist sie jedoch mühsam zu lesen:

Notula: aus der gotischen Minuskel entwickelt sich neu – ohne Beziehung zu den antiken Kursiven – eine gotische Kursivschrift. Sie ist gekennzeichnet durch das Mitschreiben der Luftlinien (= Schlingenbildung an den Oberlängen von b, d, k, l etc.); die kurzschäftigen Buchstaben m, n, u und i wandeln sich in eine fortlaufende Zackenlinie:

Die Notula ist sehr schwer zu lesen, zumal sie oft recht flüchtig ausgeführt ist. Die Zackenlinien muß man zählen und zu den geeigneten Buchstaben zusammensetzen. Die Bogenverbindung bleibt erhalten, ist jedoch aufgrund der abgeschliffenen Buchstabenformen oft kaum mehr als solche zu erkennen. Das f und das lange s erhalten eine Unterlänge. Die Schrift ist in der Regel rechtsgeneigt.

Bastarda: die Bastarda ist eine "Rückkreuzung" der Notula mit den ursprünglichen Formen der gotischen Minuskel. Sie behält einige Elemente der Kursivschrift bei, so die Schlingen an den Oberlängen (aber nur noch als Zierelement), die Unterlängen von f und langem s sowie die Zackenlinie. Die Bastarda entwickelt zahlreiche regionale Varianten, darunter auch solche ohne Schlingen.


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