Lehrstuhl für Soziologie
Die Pluralisierung des Sepulkralen

Die Pluralisierung des Sepulkralen

Empirisches Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Passau

Pluralisierung des Sepulkralen

Die normative Dimension der typischen Handlungsabläufe im Kontext von Sterben, Tod und Trauer wird von vielfältigen rituellen Neuschöpfungen abgelöst. Die­ser Effekt des gesellschaftlichen Wandels soll insbesondere im Hinblick auf Trauer­handlungen soziologisch untersucht werden.

Der Tod eines nahestehenden Menschen führt in der Lebenswelt seiner Angehörigen meist zu heftigen Erschütterungen. Alfred Schütz be­schreibt diesen Schock als einen temporären Sprung in eine fernab der vertrauten Alltagsordnung liegende Subsinnwelt. Dabei wird der Verlust mit emotionalen Reaktionen beantwortet, in erster Linie mit Trauer.

Als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen lässt sich dieses vielschichtige Phä­no­­men an der Schnittstelle von Psychologie und Soziologie verorten. Von psycho­lo­gi­scher Relevanz ist vor allem die subjektive, intraindividuelle Trauerkomponente, wäh­rend es der Soziologie zunächst nicht um das Innenleben des Einzelnen geht. Trauer wird hier vielmehr als Kulturprodukt verstanden, das nicht unabhängig von sozialen Normen, Werten und Deutungsmustern gedacht werden kann. Im so­ziologischen Fokus steht darum die Gemeinschaft, die den Verlust eines Mitgliedes zu bewältigen hat. Die genauere Betrachtung zeigt: Der Tod ist nicht nur eine biologische, sondern auch und vor allem eine soziale Tatsache - und mit Trauer verbunden ist immer auch das Andenken und Erinnern sozialer Verhältnisse.

Émile Durkheim sah bereits vor etwa hundert Jahren Trauer primär als rituelle und normativ aufgeladene Handlung an. Hierfür sei es nicht einmal not­wen­dig, dass Trauer tat­säch­lich subjektiv empfunden, sondern allein, dass sie als solche dar­ge­stellt wird. Die nach außen getragene Trauer ist ein symbolischer Beweis dafür, dass die soziale Ordnung, etwa innerhalb des Familienverbandes, vor dem Verlust intakt war.

Entgegen der verbreiteten Alltagssemantik, ist Trauer keine menschliche oder gemein­schaftliche Kon­stan­te, sondern vielmehr das Resul­tat von sozialen Ordnungsidealen mit bestimmten Funk­tio­nen, die nicht schlichtweg gelten, sondern erst von einer Gesellschaft mit Sinn ausgestattet werden müssen. Spezifische Trauergesten einer oder mehrerer Personen lassen sich nur deshalb als solche verstehen, weil es einen sozial (bald offen und bald im­plizit) ausgehandelten Konsens darüber gibt, was Trauer ist - und sie was nicht ist. Gleiches gilt für die Bedeutung, die eine Gesellschaft der Tatsache des Todes und über­haupt dem Umstand des Sterben-Müssens beimisst, und für die Frage, wie damit um­ge­gangen werden soll.

Solche kollektiven Verbindlichkeiten unterliegen - wie nahezu alle Kulturgüter - dem sozia­len Wandel. Wie gesellschaftlich damit verfahren wird, dass alle Menschen sterben müs­sen, lässt sich längst nicht mehr verbindlich bestimmen, nicht einmal mehr innerhalb einer spezifischen Kultur. So vielschichtig wie die einzelnen Lebensentwürfe heutzutage sind, so facettenreich ist auch der Umgang mit dem Lebensende geworden. Dabei lässt sich eine sukzessive Loslösung von traditionellen Konzepten beob­achten. Hieran wird deutlich, dass die Art und Weise, wie Menschen sterben, wie sie bestattet, betrauert und erinnert werden, einer Transformation spezifischer Rahmenkonzepte unterliegt. Trauer oszilliert dabei zwischen einer zunehmenden Privatisierung auf der einen und der nach wie vor existierenden, nunmehr unter anderen Vorzeichen auftretenden öffentlich inszenierten Sichtbarkeit auf der anderen Seite. Immer mehr gehört das Suchen und Finden von eigenen Trauer­stra­te­gien, die sich sowohl hinter, als auch auf den Ku­lis­­sen der Öffent­lich­keit abspielen kön­nen, zu den lebensweltlichen Anforderungen in der modernen Gesellschaft. Mit dem Schwinden von sozialer Kontrolle wächst der individuelle Entscheidungsspielraum - und mit ihm mehren sich die Möglichkeiten, ein autonomes Trauerverhalten darzulegen und subjektiv zu legitimieren.

Aufbauend auf theoretische und empirische Vorarbeiten zum Kontext Tod und Ge­sell­schaft und zum Wandel der Bestattungskultur nimmt das Projekt eine Soziologie der Trauer in den Fokus. Mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung werden die Ausdrucksweisen von und die Umgangsweisen mit Trauer vor dem Hintergrund der Pluralisierung und Individualisierung untersucht. Dabei werden u.a. folgende Fragen tangiert:  

  • Welches ist die immanente Funktion von Trauer, was sind ihre kulturspezifischen Besonderheiten und durch welche Praktiken drückt sich Trauer aus?
  • Gibt es so etwas wie einen Prag­ma­tis­mus der Trauer und worin besteht dieser?
  • Inwiefern sind Trauerhandlungen normativ geprägt, inwiefern gibt es Gestaltungsfreiräume?
  • Welchen Stellenwert haben Räumlichkeit, Materialität und Körperlichkeit im Trauer­kontext?
  • Welche Bedeutung kommt dem Friedhof als Ort von Trauer und Erinnerung in der modernen Gesellschaft zu? In welchem Verhältnis steht er zu alternativen Räumen der Trauer (z. B. Internet)?
  • Macht der Friedhof als legitimer Trauerort alle anderen Räume zu 'illegitimen' Trauerräumen?

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Vorarbeiten

Bücher

T. Benkel (Hg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes, Bielefeld 2016

T. Benkel/M. Meitzler: Sinnbilder und Abschiedsgesten. Soziale Elemente der Bestattungs­kultur, Hamburg 2013

T. Benkel: Die Verwaltung des Todes. Annäherungen an eine Soziologie des Friedhofs, 2., über­arbeitete Aufl. Berlin 2013

M. Meitzler: Soziologie der Vergänglichkeit. Zeit, Altern, Tod und Erinnern im gesellschaftlichen Kontext, Hamburg 2011

Beiträge

Postexistenzielle Existenzbastelei, in: Thorsten Benkel (Hg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes, Bielefeld: Transcript 2016, S. 133-162. (MM)

Symbolische Präsenz. Zum Status der Identität nach dem Ende der Identität, in: Thorsten Benkel (Hg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes, Bielefeld: Transcript 2016, S. 11-40. (TB)

Hunde, wollt ihr ewig leben? Der tote Vierbeiner – ein Krisentier, in: Nicole Burzan/Ronald Hitzler (Hg.): Auf den Hund gekommen. Interdisziplinäre Annäherungen an ein Verhältnis, Wiesbaden: Springer VS 2016, S. 175-200. (MM)

»Der Tod wird kommen und kein Ende setzen«. Sozialverhältnisse zwischen Leben und Tod, Online-Publikation der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2016, 13 S., unter: publikationen.soziologie.de/index. php/kongressband/article/view/85/pdf_167 (TB)

Partikulare Vitalität. Postmortale Körperpräsenz und die Ungewissheit des Lebensendes, in: Dominik Groß/Stephanie Kaiser/Brigitte Tag (Hg.): Organspende und Transmortalität. Frankfurt am Main/New York: Cam­pus 2016, S. 127-152. (TB)

Der tote Körper und seine Zeichen. Zur Evidenz des Physischen im Kontext der Sektion, in: Dominik Groß/Stephanie Kaiser/Brigitte Tag (Hg.): Organspende und Transmortalität. Frankfurt am Main/New York: Cam­pus 2016, S. 153-178. (MM)

Die Bildlichkeit des Lebensendes. Zur Dialektik der Totenfotografie, in: Thomas Klie/Ilona Nord (Hg.): Tod und Trauer im Netz. Mediale Kommunikation in der Bestattungskultur. Stuttgart: Kohlhammer 2016, S. 117-136. (TB/MM)

Feldforschung im Feld der Toten. Unterwegs in einer Nische der sozialen Welt, in: Jo Reichertz/ Angelika Poferl (Hg.): Wege ins Feld. Methodologische Aspekte des Feldzugangs, Essen: Oldib 2015, S. 235-250. (TB/MM) 

Ein so­zio­lo­gi­scher Fried­hofs­spa­zier­gang, in: Ute La­ten­dorf (Hg.): Bux­te­hu­der Wald­fried­hof. Erin­ne­rungs­ort und Na­tur­er­leb­nis, Mün­chen: Ewig-Edition 2015, S. 231-236. (MM) 

Ster­ben­de Blicke, le­ben­de Bil­der. Die Fo­to­gra­fie als Er­in­ne­rungs­me­dium im Todes­kon­text, in: Medien & Al­tern. Zeit­schrift für For­schung und Pra­xis 3, Heft 5 (2014), S. 41-56. (TB/MM)

Trau­er und Trans­zen­denz. Das ge­mein­schafts­stif­ten­de Po­ten­zial von Be­gräb­nis­ri­tua­len, in: Mar­ti­na Löw (Hg.): Viel­falt und Zu­sam­men­halt. Ver­hand­lun­gen des 36. Kon­gres­ses der Deut­schen Ge­sell­schaft für So­zio­lo­gie, Frank­furt am Main/­New York: Campus 2014, un­pa­g. (CD-Rom), 16 S. (TB/MM) 

Das Leben als Statue. Körperdarstellungen auf Friedhöfen, in: Stein. Zeitschrift für Naturstein, Jg. 129 (2013), Heft 11, S. 50-57. (TB/MM)

Todesrituale. Zur sozialen Dramaturgie am Ende des Lebens, in: Robert Gugutzer/Michael Staack (Hg.): Körper und Ritual. Sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge und Analysen. Wiesbaden: Springer VS 2015, S. 335-360. (TB)

Bilder der Erinnerung. Vom Gedächtniswissen zur Festschreibung durch Fotografie, in: René Leh­mann/Florian Öchsner/Gerd Sebald (Hg.): Formen und Funktionen sozialen Erinnerns, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2013, S. 131-151. (TB)

Stein und Zeit. Der Wan­del der Grab­ästhe­tik, in: Stein. Zeit­schrift für Na­tur­stein, Jg. 129 (2013), Heft 3, S. 46-54. (TB/MM)

Tot sind im­mer nur die an­de­ren. Das ei­ge­ne Le­bens­en­de zwi­schen Sterb­lich­keits­wis­sen und Nicht-Er­fahr­­bar­keit, in: So­zio­lo­gie-Ma­ga­zin, Jg. 5 (2012), Heft 1, S. 22-38. (MM)

Der sub­jek­ti­ve und der ob­jek­ti­ve Tod. Ein Bei­trag zur Tha­na­to­so­zio­lo­gie, in: Psy­cho­lo­gie und Ge­sell­­schafts­kri­tik, Jg. 32 (2008), Heft 2/3, S. 131-153. (TB)

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