Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts
Performativer RU

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„Das kann man nicht beschreiben, das muss man erleben!“

Unter dem Begriff eines „Performativen Religionsunterrichts“ (engl. to perform = vollziehen, handeln) sind verschiedene religionsdidaktische Ansätze gebündelt, wie man Religion erlebbar und damit auch verstehbar machen will.

Drei Beweggründe motivieren die Entfaltung performativer Szenarien

  1. die rückläufigen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Religion, besonders mit Ausdrucksformen konfessioneller Religion
  2. die Einsicht, dass bestimmte Vollzüge von Religion nur verstanden werden können, wenn sie auch erlebt werden
  3. die Frage nach den didaktischen Settings, mit denen ein tiefgehendes und nachhaltiges Lernen erzielt werden kann.

Performatives Lernen in der Schule ist nicht unumstritten, weil eine mehrfache Grenzüberschreitung (auf die Lernenden, das System Schule und den Lerngegenstand hin) befürchtet wird. Alle Vertreter eines performativen Modells streben deshalb eine konzeptionelle Entfaltung an, die die Systemlogik von Schule und Religionsunterrichts berücksichtigt und Dimensionen des Erlebens für die Schülerinnen und Schüler auf respektvolle und reflexive Weise in den Unterricht einbringt. In der evangelischen Religionspädagogik (Bernhard Dressler, Thomas Klie, Silke Leonhard, Bärbel Husmann) will man durch die Charakterisierung performativer Vollzüge als „Probehandlung“, „ernsthaftes Spiel“ oder „als-ob“-Handlung die Besonderheit einer schulischen Inszenierung und Neugestaltung religiöser Handlungsvollzüge von unmittelbaren religiösen Gestaltungsformen in der Gemeinde unterscheiden. In der katholischen Religionspädagogik (Hans Mendl) erfolgt eine Einladung zum Mitvollzug religiös konnotierter Handlungsformen, die aber von der Möglichkeit einer subjektiven Bedeutungszuweisung durch die Lernenden geprägt sein muss. Die konzeptionellen Eckdaten dieses Modells werden auf den folgenden Seiten genauer beschrieben.

Basisliteratur: Husmann, Bärbel / Klie, Thomas, Gestalteter Glaube. Liturgisches Lernen in Schule und Gemeinde, Göttingen 2005. Klie, Thomas / Leonhard, Silke (Hg.), Schauplatz Religion. Grundzüge einer Performativen Religionspädagogik, Leipzig 2003. Klie, Thomas / Leonhard, Silke (Hg.), Performative Religionsdidaktik. Religionsästhetik - Lernorte - Unterrichtspraxis, Stuttgart 2008. Mendl, Hans, Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht. 20 Arbeitsfelder, 2. A. München 2013. Mendl, Hans (Hg.), Religion zeigen - Religion erleben - Religion verstehen. Ein Studienbuch zum performativen Religionsunterricht, Stuttgart 2016.

Was kennzeichnet performativen Religionsunterricht?

Kriterien für eine religionspädagogisch verantwortbare Performanz im Religionsunterricht

1. Performative Handlungsformen im Religionsunterricht wollen das Verstehen von Religion fördern, wenn ein Reden über Religion nicht mehr ausreicht, um den jeweiligen Gegenstand verständlich werden zu lassen. Mit einem performativen Ansatz erfolgt also keine Rückwärtswende zu einem katechetischen Konzept!

2. Das unmittelbare Erleben und Handeln sollte von zwei reflexiven Elementen ummantelt sein – einer kognitiven Einführung und einer gründlichen Auswertung und Weiterführung. Nur so wird die Freiheit des lernenden Subjekts gesichert: Die jeweilige Anordnung, Aufbereitung und zeitliche Rahmung der drei Elemente hängt vom Thema und der Lerngruppe ab.

3. Die Einführung verfolgt das Ziel, den Lernenden eine gewisse Verhaltenssicherheit zu geben: sie sollen zuvor wissen, was auf sie zukommt und wie sie sich verhalten können („Habitus-Optionen“); dies erscheint besonders dann als bedeutsam, wenn sehr intensive, existentielle und spirituelle Erlebnisse angeboten werden.

4. Das zentrale Feld des Erlebens und Handelns sollte so gestaltet sein, dass sich die Lernenden mit ihren individuellen Lernvoraussetzungen ins Handlungsfeld einklinken können. Das wird beispielsweise möglich über das Angebot von offenen Strukturen, die Individualisierung ermöglichen.

5. Die gründliche Reflexion soll das lernende Subjekt zur eigenen Positionierung befähigen; diese kann unter den Modalitäten schulischen Lernens auch in einer negativen Stellungnahme zum erlebten Projekt bestehen. Erst aus dem Zueinander von Erleben und Reflexion kann eine Erfahrung werden! Je nach Thema können sich weitere kognitive Verknüpfungen anschließen.

6. Performative Lernformen erfordern auch von den Lehrenden besondere Kompetenzen, die jeweils bedacht werden sollten.

Wie sieht performativer Religionsunterricht aus?

Performative Elemente können im Religionsunterricht an ganz unterschiedlichen Stellen und bei ganz unterschiedlichen Inhalten Verwendung finden.
In seinem Buch "Religion erleben" entfaltet Hans Mendl Themenfelder für performatives Lernen.

In den vier Kapiteln "Fremde Heimat erkunden", "Gott und das Leben feiern", "Konsequenzen des Glaubens erleben" und "Religion mit allen Sinnen entdecken" werden 20 Thesen und Themen für performative Elemente im Religionsunterricht vorgestellt.

Kurzbeschreibung der Thesen und Inhalte.

Hans Mendl: Religion erleben - Religion zeigen

FAQ - Performativer Religionsunterricht

Häufig gestellte Fragen zum Konzept eines performativen Religionsunterrichts

1. Woher kommt eigentlich das Wort „performativ?“

2. Bedeutet ein performativer Religionsunterricht nicht einen Rückfall in ein katechetisches Modell?

3. Bekommt der Religionsunterricht über performative Ele­mente nicht eine deutlichere missionarische Funktion?

4. Dient ein performativer Religionsunterricht der Kompensation für religiöse Sozialisationsdefizite der Schülerinnen und Schüler?

5. Verliert das Fach nicht an Reputation, wenn handelnde und spielerische Formen überhandnehmen?

6. Kann und darf man Religion „inszenieren“? Wird eine Inszenierung einer Würde des Gegenstands gerecht?

7. Wo sind die Grenzen beim Erleben von fremden Religionen?

8. Sind performative Übungen nicht insofern gefährlich, als sie Schülerinnen und Schüler durch die emotionale Dichte in Erlebnisfelder hineinziehen, ohne dass diese eine Chance zur Distanzierung haben (Überwältigungs­didaktik)?

9. Ist immer eine Kognition im Voraus nötig? Wo bleibt der didaktische Überraschungseffekt?

10. Darf man Glauben bei den Schülerinnen und Schülern voraussetzen?

11. Läuft das Konzept eines performativen Religionsunterrichts einem kompetenzorientierten Ansatz zuwider?

12. Ist das nicht ein imperialistisches didaktisches Postulat – dass die Form des Erlebens für Lernen unabdingbar sei?  

Antworten auch in: Mendl, Hans, Religion zeigen, Religion erleben, Religion verstehen. Ein Studienbuch zum Performativen Religionsunterricht, Stuttgart 2016, 230-237

Literatur

Weiterführende Literatur finden Sie in den folgenden pdf-Dateien mit einer Liste an Aufsätzen und Veröffentlichungen zur Theorie und Praxis performativen Lernens.

Veröffentlichungen zum "Performativen Religionsunterricht" von Hans Mendl

(Diözesane) Praxis-Zeitschriften (zeitlich angeordnet) zum Performativen RU