Philosophische Fakultät
Projekt Birken-Edition

Projekt Birken-Edition

Notwendigkeit der Edition

Sigmund von Birken starb ohne eigene Kinder und hinterließ einen Teil seiner Bibliothek und einen sehr großen Teil seines handschriftlichen Nachlaßes dem Pegnesischen Blumenorden. Im Archiv des Blumenordens hat sich der größte Teil dieser Hinterlassenschaft bis heute erhalten – ein in mehrfacher Hinsicht glücklicher Umstand für die Barockforschung. Von keinem anderen Literaten des 17. Jahrhunderts ist der handschriftliche Nachlaß in einer solchen Vollständigkeit erhalten.

Da Birken auch einer der bedeutendsten '"Literaturmanager" der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war, liegen zahlreiche Dokumente vor, die viele Aspekte der "Produktion" eines literarischen Werkes von der Niederschrift bis zum fertigen Druckerzeugnis beleuchten. Kenntlich werden z. B.:

  • der Charakter großer Teile seiner literarischen Produktion als Auftrags- und Gelegenheitsarbeit,
  • die Formen der Zusammenarbeit zwischen Autoren, Verlegern, Druckern und Kupferstechern (die Werke wurden damals mit Kupfer ausgestattet), Korrekturdurchgänge, Auflagen, Kosten für Verleger und Autoren, Vertriebswege, Anzahl der Freiexemplare,
  • die Formen der Rezeption neuer Werke,
  • die Bemühungen der Autoren um Anerkennung und Entlohnung durch adelige Gönner für ihnen gewidmete oder gelieferte Werke und deren Reaktionen.

Es lässt sich also ein sehr detailliertes Bild der sozio-ökonomischen Bedingungen der Entstehung von Literatur in der frühen Neuzeit und ihrer gesellschaftlichen Relevanz bzw. Akzeptanz gewinnen.

Korrespondenz von Birkens

Von Birken stand mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten des Literaturbetriebs seiner Zeit in brieflichem Kontakt. So haben sich viele Schreiben dieser Autoren erhalten, etwa von Georg Philipp Harsdörffer, Philipp von Zesen, Justus Georg Schottelius, Catharina Regina von Greiffenberg, Martin Kempe, Georg Neumark, Johann Rist, Johann Wilhelm von Stubenberg u.v.m. Zu einigen dieser Korrespondenzen existieren auch Briefe von Birken selbst und zu vielen eigenen Briefen Konzeptbuchnotizen, die den Inhalt derselben kenntlich werden lassen. Ein wichtiges ergänzendes Hilfsmittel zur Rekonstruktion von Birkens Korrespondenzen bilden seine seit 1660 mit einigen Unterbrechungen bis fast zu seinem Tod geführten Tagebücher, in denen Birken so gut wie jeden erhaltenen und abgesandten Brief mit Datum und Jahrgangsnummer festgehalten hat. So lassen sich viele Korrespondenzen nahezu lückenlos dokumentieren. Die Briefe bieten zu den jeweiligen Autoren oft Informationen, die in der Forschung bisher unbeachtet geblieben sind.

Mit Hilfe der bereits 1988 edierten Autobiographie Birkens (s. Birken-Werkausgabe) und der von Joachim Kröll 1971 und 1974 publizierten Tagebücher, des Korrespondenznachlasses und der verschiedenen von Birken handschriftlich geführten Gedichtbücher, in die er fast alle seine Gedichte eingetragen hat, lässt sich das Leben des Autors Birken und seine Eingebundenheit in die sozio-ökonomischen und denkgeschichtlichen Bedingungen seiner Zeit außerordentlich exakt rekonstruieren. Eine vergleichbare biographische Genauigkeit lässt sich für keinen anderen Autor des Barock erreichen.

Die Publikation des handschriftlichen Nachlasses Birkens, insbesondere der Korrespondenzen, ist – nicht nur für die Literaturwissenschaft – ein Anliegen ersten Ranges, weil dadurch vielfältige neue Einblicke gewonnen werden können und vor allem eine erheblich verbesserte Materialbasis für die Erforschung des "Literaturbetriebs" der Zeit ermöglicht wird.

Ein ausführlicher Bericht über die Birken-Philologie, die Überlieferungslage und die Vorgeschichte sowie über die Vorarbeiten für die Birken-Werk-Edition findet sich in der Einleitung von Bd. 1 (Floridans Amaranten-Garte) der Ausgabe.

Am Projekt beteiligte Stellen

Das Projekt der Edition des handschriftlichen Nachlasses Sigmund von Birkens wird in Zusammenarbeit vom Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Osnabrück (Prof. Dr. Dres. h.c. Klaus Garber), dem Lehrstuhl für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universität Hamburg (Prof. Dr. Johann Anselm Steiger) und der Forschungsstelle Frühe Neuzeit an der Universität Passau (Prof. Dr. Hartmut Laufhütte) durchgeführt.

Die Arbeitsstelle in Osnabrück ist für die Edition der "Weltlichen Lyrik" zuständig. Außerdem wurde in Osnabrück von Hermann Stauffer eine zweibändige kommentierte Bibliographie des gedruckten Werkes Birkens erarbeitet und 2007 publiziert. In Hamburg werden die geistliche Lyrik und das Erbauungsschrifttum Birkens ediert. Die Forschungsstelle in Passau besorgt die Publikation der Korrespondenz des Autors.

Das Projekt ist von mehreren Institutionen gefördert worden. In verschiedenen Zeiträumen hat die DFG alle drei Arbeitsstellen unterstützt. Die Arbeitsstelle in Osnabrück wurde außerdem durch ein besonderes Programm des Landes Niedersachsen gefördert. Zeiten ohne Drittmittelförderung sind von den Universitäten überbrückt worden. Die Fritz-Thyssen-Stiftung hat den Arbeitsstellen in Osnabrück und Passau Mittel zur Verfügung gestellt, um die noch ausstehenden Bände der Ausgabe in den nächsten Jahren fertigzustellen.