Lehrstuhl für Soziologie
Tagungsbericht "Körper - Wissen - Tod"

Tagungsbericht "Körper - Wissen - Tod"

Am 25. und 26. Mai 2018 fand an der Universität Passau eine soziologische Fachtagung zu dem Thema „Körper – Wissen – Tod. Sozialwissenschaftliche Zugänge zwischen Lebenswelt und Transzendenz“ statt. Organisiert wurde die zahlreich besuchte Veranstaltung von Thorsten Benkel und Matthias Meitzler in Zusammenarbeit mit der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Adressaten waren sowohl VertreterInnen aus Wissenschaft und Praxis als auch interessierte BesucherInnen und Studierende.

Nach einer einleitenden Begrüßung des Studiendekans Christian Thies eröffnete Thorsten Benkel (Passau) die Tagung mit einem Vortrag zur Genese der Todesbetrachtung in der Wissenssoziologie. Zum Einstieg wurde die vergleichsweise marginale Position des Themas hervorgehoben und auf vergangene und aktuelle Bemühungen hingewiesen, diesen Zustand zu ändern. Dazu gehören nicht zuletzt diverse empirische Forschungsprojekte mit wissenssoziologischer Ausrichtung, die Benkel in Zusammenarbeit mit FachkollegInnen anderer Hochschulen bisher durchgeführt hat und in deren Zusammenhang die Idee zu dieser Tagung entstanden ist. Anhand verschiedener Diskurse und exemplarisch am Beispiel des vergessenen Klassikers Max Scheler versuchte Benkel zu zeigen, dass das, was Tod genannt wird, immerzu das Produkt einer spezifischen Wissensformation ist. Die Semantiken mögen sich verändern; die Herausforderungen, auch in Richtung der empirischen Forschung, bleiben mithin aber stabil. Der Vortrag mündete in den Aufruf, (wissens)soziologische und insbesondere empirische Studien zu Sterben, Tod und Trauer künftig besser zu koordinieren und somit stärker als bisher Synergieeffekte zu erwirtschaften, auch über Disziplingrenzen hinaus.

Werner Schneider (Augsburg) fokussierte Sterben als sozialen Prozess und entwarf eine dispositivanalytische Perspektive auf das Lebensende. Dabei beleuchtete er das „gute Sterben“ als ein Projekt nicht nur für den Sterbenden selbst, sondern auch für die Angehörigen. Ein gesellschaftlich gefestigtes, normatives Programm gebe, so Schneider, die Leitlinien für das „Sterben Machen“ vor, dessen machtstrukturelle Beeinflussung besonders im medizinisch-wissenschaftlichen Kontext eine interdisziplinäre Analyse erfordert.

Den Tod als Problem der Lebenden thematisierte auch Matthias Meitzler (Passau) in seinem Vortrag zu einer figurativen Wissenssoziologie des Todes. Den Ausgangspunkt bildeten Norbert Elias‘ Betrachtungen über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, die Meitzler vor dem Hintergrund eigener Forschungen auf ihre empirische Aktualität hin überprüfte. Im Einklang mit Elias zeichnete Meitzler nach, dass aufgrund sozialer Transformationsprozesse, die u.a. ein Hervorrücken von Scham- und Peinlichkeitsschwellen forcierten, die Pflege des sterbenden und toten Körpers nicht mehr so sehr wie in früheren Zeiten Angelegenheit der Angehörigen ist; vielmehr fällt ihnen die Pflege der Erinnerung zu. Eine radikale „Entkorporalisierung“ der zeitgenössischen Trauerkultur ist laut Meitzler dennoch nicht zu beobachten. Als Indiz führte er die anhaltende Bedeutung des Leichnams am Beispiel der Totenfotografie an, an dem auch das von Benkel und Meitzler entwickelte Konzept der zwei Körper der Toten Anwendung finden kann.

Eine Zweidimensionalität fand sich auch in den Ausführungen von Zsofia Schnelbach (Passau) zur Symbolkraft des kindlichen Körpers bei stiller Geburt. Die Empfindungen der Eltern oszillieren bei Stillgeburten zwischen der Betrachtung des Fötus als dem eigenen Kind auf der einen Seite und einem de facto toten Körper auf der anderen. Aufgrund moderner technischer Möglichkeiten können entsprechende Diagnosen mitunter weit vor der Geburt gestellt werden, wodurch die Zukunftserwartung als das strukturgebende Element einer Schwangerschaft entfällt und eine Paradoxie von Begrüßung und Abschied entsteht.

Patrick Reitinger (Bamberg) führte die Thematik der Schwangerschaft in seinem Vortag zur Verräumlichung von Körperlichkeit weiter fort und veranschaulichte den Konflikt zwischen Materialität bzw. Körperlichkeit und einem juristischen Lebenskonstrukt. Reitinger beleuchtete hierbei nicht nur eine theoretische, sondern vor allem eine räumlich-skalierte Dimension, die abhängig von an (Staats-)Territorien geknüpften Normdefinitionen ist. Diese Territorialisierungen seien es schlussendlich, die über die Grenze zwischen Leben dürfen und Sterben müssen entscheiden.

Hubert Knoblauch (Berlin) widmete sich am Beispiel der Obduktion und Organspende dem Thema der Enttabuisierung des Todes und der Transmortalität. Er problematisierte den Konflikt zwischen einem Spezialwissen und einem laienhaften Allgemeinwissen über die Grenze zwischen Leben und Tod, welcher gravierende Folgen für die Organspende hat. Neben der problematischen Definitionsmacht im Kontext des Hirntodkriteriums zeigte Knoblauch als weiteren Grund einen innermedizinischen Perspektivwechsel auf, der es nicht mehr erfordere, den Körper zu sezieren. Als Lösungsansatz warb er abschließend für eine Auflösung des (hier vorherrschenden) Verhältnisses zwischen Spezial- und Allgemeinwissen.

Der zweite Veranstaltungstag wurde von Ulrike Wohler (Hannover) eröffnet. Ausgehend von Elias‘ These der Verlagerung von Intimitäten hinter die Kulissen des Sozialen im Verlauf des Zivilisationsprozesses beschäftigte sich Wohler mit der gewandelten Sichtweise auf die Vergänglichkeit des Lebens. Während besonders im Mittelalter das Vanitas-Motiv öffentlich über alle Stände hinweg bewusst verhandelt wurde, sehen wir heute den Tod, ähnlich wie die Sexualität, als ein Tabuthema an den Rand der Gesprächigkeit gedrängt. Der Vortrag endete mit dem Plakat einer Benetton-Werbekampagne, das Diskussionen über visuelle Darstellungsgebote und -verbote im Kontext von Sterben und Tod provozierte.

Mit einem empirischen Ansatz beleuchtete Ursula Engelfried-Rave (Koblenz) Trauer-Tattoos als „Transzendenzen auf der Haut“. Ausgehend von der Frage, wie das ‚richtige‘ Trauern in Gesellschaft, exemplarisch am Arbeitsplatz, normativ gerahmt und erwartet wird, widmete sich der Vortrag dem Verarbeiten von Verlusten über eine schmerzvoll-sinnliche Erfahrung. Über die Plessner’sche Dualität von Körper haben und Körper sein thematisierte Engelfried-Rave die Haut als Ort der Trauer, welcher Trauernde ständig begleite und eine Alternative zu herkömmlichen Trauerorten sein könne.

Ekkehard Knopke (Weimar) demonstrierte anhand eines ethnografischen Projekts im professionellen Bestattungskontext, auf welchen Wegen Geschlechtlichkeit in diesem Setting kommunikativ konstruiert wird. Neben der Etablierung der maskulinen Geschlechterrollen innerhalb der ,Männerbünde‘ der Bestatter ging es ferner um die von ihnen vorgenommene Vergeschlechtlichung der toten Körper und die damit einhergehende Stabilisierungen von (Körper-)Konzepten.

Auch Katharina Mayr und Niklas Barth (München) stellten die Kommunikation in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen zum bewussten Sterben in der multiprofessionellen Sterbebegleitung. Dem „Schlamassel des Sterbens“, wonach Sterbende die ihnen zugewiesene Rolle zurückweisen, wurde eine ideale Vorstellung vom „guten Sterben“ entgegengesetzt, welche kommunikativ verhandelt und insbesondere in der Adressierung des Sterbenden durch professionelle Akteure sichtbar werde. Diese „Organisations­kommunikation“, welche mit einer gewissen Beiläufigkeit im Sprechen und insbesondere im „Nicht-Sprechen“ die möglichen Zukünfte der Patienten thematisiere, wurde mit unterschiedlichen Institutionen verglichen und entsprechend eingeordnet.

Lea Sophia Lehner (Passau) nutzte in ihrem Vortrag die elementaren Begriffe Feld, Kapital und Habitus von Pierre Bourdieu, um auf die Ursachen für Selbsttötung in unserer Gesellschaft einzugehen. Durch einen Verlust von Kapitalsorten, beispielsweise sichtbar im Gefängnis oder bei älteren Personen, werden Akteure an die Peripherie des Feldes gedrückt. Die Unfähigkeit, sich im gesellschaftlichen Kampf weiter zu behaupten, führe schlussendlich dazu, sich einen Ausweg im Suizid zu suchen.

Miriam Sitter (Hildesheim) thematisierte die Bedeutung von himmlischen Sinnbildern im Kontext tröstlicher Kinderliteratur bei der Trauerbegleitung für Kinder. Durch das zweckmäßige Denken der Kinder und die oft euphemistische Beschreibung des Todes durch Erwachsene werde den Verstorbenen eine Art Agency zugeschrieben, beispielsweise als tatkräftiger Schutzengel, der im Himmel über die Angehörigen wacht. Dieses Phänomen beschreibt Sitter als continuing bond: gemeint ist die Möglichkeit, dass kindliche Imaginationen eine letzte Verbindung zum Verstorbenen aufbauen.

In ihren Ausführungen zur Kryonik ordnete Isabelle Bosbach (Bochum) den Tod als Phase des Lebens ein und definierte ihn dadurch als Prozess, nicht als Zustand. Kryonik als individualisierte Aneignung des Todes mache die Grenzen des Sozialen neu aushandelbar und hinterfrage, ob und wie heute Verstorbene, morgen noch (oder wieder) zu den Lebenden gehören können. Dieses technische Verfahren, eine Art Einfrierung, bedeute somit keine Alternative zur Bestattung, sondern zum Tod selbst.

Melanie Pierburg (Hildesheim) stellte ihr Dissertationsprojekt zu Sterbekonstruktionen im Vermittlungskontext vor. Die Erfahrung des Sterbens sei gemeinhin unverfügbar und bilde einen blinden Fleck für Menschen, die im Hospiz Sterbebegleitung betreiben. Auf Basis ethnografischer Forschung legte die Referentin dar, wie der sinnbildliche „Akt des Loslassens“ als Metapher für das Sterben verhandelt und wie es so zu einem erfahrbaren Gegenstand gemacht wird.

Patrik Budenz (Berlin) führte mit einer Bildauswahl aus seinen fotografischen Projekten in die Thematik der Rechtsmedizin und Leichenauffindungssituationen ein. Entlang der Grenzen von Nähe und Distanz lieferte er den ZuschauerInnen ein „ästhetisches Angebot“ und lud im Gespräch mit Thorsten Benkel dazu ein, sich des Komplexes Fotografie und Tod im Lichte je eigener Bilddeutungen zu öffnen.

Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Ronald Hitzler (Dortmund), welcher sich mit einer Analyse der Empfindung, Erläuterung, Reflexion, Kundgabe und Deutung von Trauer einer Art biografischen Phänomenologie annäherte. Die Faktizität des Toten werde in der Phantasie des Hinterbliebenen als Vorwegnahme des eigenen Todes reflektiert. Hierdurch liege die Emphase weniger auf dem gesellschaftlich geprägten Ausdruck, als vielmehr auf der subjektiven Empfindung der Trauernden. Trauer werde somit das konstituierende intime Element des Menschlichen selbst.

Neben den vielversprechenden wissenssoziologischen Implikationen hat die Pluralität der Zugänge, Methoden und Erkenntnisse, die im Rahmen der Tagung vorgestellt und lebhaft diskutiert wurden, deutlich gemacht, dass die Forschung zum Lebensende ein fruchtbares Sujet ist. Es bietet nicht nur zahlreiche Chancen zur inner- und interdisziplinären Vernetzung,  sondern verspricht zudem künftig über seine randständige Position innerhalb des sozialwissenschaftlichen Diskurses hinaus an Bedeutung zu gewinnen. Die einzelnen Vorträge sollen in einem Tagungsband dokumentiert werden, der voraussichtlich 2019 erscheint. Geplant ist außerdem ein Netzwerk, das neben dem produktiven Gedanken- und Literaturaustausch, regelmäßigen Arbeitstreffen, gegenseitiger Unterstützung bei der empirischen Arbeit insbesondere der genaueren Verortung der Thanatosoziologie innerhalb der Sozialwissenschaften dienen soll.

Christoph Nienhaus, Ida Meyenberg