"Die Fahrkarten, bitte!" dröhnt plötzlich eine Stimme durch "5 Sterne deluxe". Der Schaffner hat mir einen Kopfhörer weggezogen und steht direkt vor mir. Aufgeschreckt fummle ich in meiner Jacke, fasse in die falsche Tasche, werde ohne Grund nervös. Ich weiß ja, dass sie da ist. Endlich, ich reiche ihm die Karte. "Umsteigen in Nürnberg, Weiterfahrt auf Gleis 3 um 10.30." "Ja, danke, ich weiß." Natürlich weiß ich das. Schließlich habe ich den Zugfahrplan schon monatelang studiert und mir ausgemalt, wie es sein würde, einzusteigen, abzufahren, tschüs, chiao, bye, bye. Nur weg aus diesem Kaff. Weg von meinen nervigen Eltern mit ihrem ewigen Gequatsche von meiner Zukunft, ihren öden Vorstellungen, was aus mir werden soll. Bankangestellter, Finanzbeamter... "Das sind doch sichere Berufe, denk doch mal drüber nach." Ich pfeif drauf. Ich lass mich nicht einsperren. "Aber mit deinem Abschluss kannst du keine Luftsprünge machen." Die werden schon sehen!
Was die für Augen gemacht haben heute morgen beim Frühstück. "Ja, sag mal, wo willst du denn hin, heute am Freitag? Was soll denn der Rucksack?" "Ich gehe weg", hab' ich gesagt, ganz cool, wie die Schauspieler in den amerikanischen Filmen, einfach so, hab' die Tür aufgemacht und bin gegangen. Die konnten nicht gleich hinterher, waren noch in Morgenmantel und Hausschlappen. Was die wohl jetzt machen? Mich suchen lassen? Na ja, immerhin bin ich volljährig, was sollen sie schon machen?
Ich lehne mich zurück in meine Ecke, setze den Walkman wieder auf und schließe die Augen. Will nicht angequatscht werden, sind sowieso nur Grufties mit mir im Abteil. Außerdem muss ich nachdenken. Pläne machen. Irgendwie bin ich nervös. Ich ziehe meinen Stadtführer von Berlin aus der Seitentasche meines Rucksacks und schlage wieder die Seite mit "Übernachtungen" auf. Die haben vielleicht Preise da. Da kann ich höchstens eine Nacht bleiben. Am besten, ich finde schon für heute Nacht was anderes. Ein paar Internet-Adressen habe ich unten auf die Seite gekritzelt: Mitwohnzentrale, Billig-Unterkünfte. Nur gut, dass ich meinen Laptop dabei habe. So kann ich jederzeit ins Netz. Meine Blick fällt auf "Hotel Adlon" 580 DM für eine Nacht! Wer sich so was wohl leisten kann. Im Augenblick sind auf meinem Konto gerade mal schlappe 956,32 DM. Den Kontoausdruck habe ich auf dem Weg noch rausgelassen. Wie lange das wohl reicht? Ich muss unbedingt einen Job finden, der was einbringt, sonst steh' ich in ein paar Wochen wie ein begossener Pudel vor der Haustür meiner Eltern und muss mir ihre spießigen Kommentare anhören, dass das eben nicht so ist mit der großen Freiheit, wie sich die jungen Leute das heutzutage immer so vorstellen, bla, bla, bla... Darauf kann ich echt verzichten. Also: Bleibe organisieren, Job finden, dann hoffentlich Freunde. Nicht so lahme Typen wie die in meiner Klasse, sondern echt geile, schräge Typen, so wie die im Fernsehen bei der Love-Parade.
"Meine sehr verehrten Damen und Herren, in 15 Minuten treffen wir in Berlin ein. Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Fahrt mit uns und würden uns freuen, wenn sie bald wieder einmal mit uns reisen würden." Na, hoffentlich nicht so bald! Nur noch 15 Minuten! Jetzt bin ich echt irre aufgeregt! Mein Herz schlägt wie wild. Irgendwie habe ich auf einmal doch ziemlich Schiss. Was mache ich, wenn's nicht so klappt?... Mach dir nicht in die Hose, hey, Berlin ist schließlich nicht der Dschungel...Großstadtdschungel, muss ich jetzt denken ...Drogenszene, Auftragsmorde... Reiss dich am Riemen, Mann, es ist hell, du hast noch genügend Zeit, dir was zum Pennen zu suchen. Gedanken schießen kreuz und quer. Meine Hände schwitzen, draußen jetzt Häuser, Straßen, Reklametafeln. Der Himmel wolkenverhangen, trist. Ich hatte mir meine Ankunft in Berlin immer sonnig vorgestellt. Mist, vielleicht das erst schlechte Zeichen? Quatsch, Mann.
Bremsenquietschen, Gedränge in den Gängen, aufgeregtes Geplapper von allen Seiten. Von draußen die ersten Wartenden, die aufgeregt und konzentriert die vorbeigleitenden Fenster absuchen nach einem bekannten Gesicht. Ein junges Mädchen mit einer Rose in der Hand, Minirock, lange rote Haare... muss echt schön sein, von so einer in Empfang genommen zu werden... einen richtigen Kussmund hat die. Auf mich wartet niemand... Na, vielleicht bald?
Was soll ich tun? Gleich raus, was von der Stadt
sehen.
Option a:
Oder erst mal hier im Bahnhof zum Informationscenter?
Option b: