Historische Hilfswissenschaften
mittellateinische Philolologie

Die lateinische Sprache entwickelt sich in 5 Phasen:

Altlatein (7. - 1. Jh. v. Chr.) =
die älteste Sprachform, die in wenigen Inschriften usw. überliefert ist (z.B. Lapis Niger, Zwölftateflgesetz).

Klassisches Latein / Vulgärlatein (1. Jh. v. - 4. Jh. n. Chr.) =
Zum einen das Latein der "klassischen" Autoren (Caesar, Cicero, Vergil usw.) als Literatursprache. Daneben das umgangssprachliche Latein der normalen Bevölkerung (lat.: vulgus), aus dem sich die romanischen Sprachen entwickeln.

Spätlatein (5. - 7. Jh.) =
Das Latein im Übergang von der Antike zum Mittelalter: die (zuletzt künstlich aufrecht erhaltene) klassische Sprachnorm (v.a. der Grammatik) bricht auch in der literarischen Produktion zusammen.

Mittellatein (8. - 15. Jh.) =
Das eigentliche mittelalterliche Latein, dem seit der Karolingerzeit wieder die "klassische" Sprachnorm zugrundeliegt; der Sprachunterricht erfolgt anhand der antiken Grammatiken . Jedoch treten einige Änderungen in der Orthographie ein, und die Sprache entwickelt sich durch die Aufnahme christlichen und volkssprachlichen Wortschatzes und durch bestimmte Änderungen im Satzbau weiter. Nicht nur geschriebene, sondern auch gesprochene Sprache: der antike Gegensatz von "klassischem" und Vulgärlatein ist aufgehoben.

Neulatein (16. - 18. Jh.) =
Die humanistische Sprachreinigung erklärt die klassische Sprache zur absoluten Norm und sieht in der lebendigen Sprache des Mittellateins eine Fehlentwicklung. Gekünstelte, bes. in der Barockzeit schwer verständliche Sprache.


Die bekanntesten Beispiele spätlateinischer Texte sind:

  • die Fränkische Geschichte Bischof Gregors von Tours
  • die Schriften Papst Gregors des Großen
  • die sog. Fredegarchronik

Klicken Sie auf die Graphik, wenn Sie Textproben lesen möchten!


Die gebräuchlichsten antiken, im Mittelalter weiterverwendeten Grammatiken sind:

  • der kleine Donat (Kurzdarstellung als Frage- und Antwortspiel): klicken Sie auf die Graphik, wenn Sie eine Textprobe lesen möchten!
  • der große Donat (ausführliche Darstellung als fortlaufender Text)
  • Priscian (ausführliche Darstellung als fortlaufender Text)


Die mittellateinische Orthographie weist gegenüber der "klassischen" vor allem folgende Veränderungen auf, die bei der Benutzung eines Lexikons zu beachten sind:

ae und oe werden zunächst durch e caudata (= e mit Schwänzchen wie bei ç), dann durch einfaches e ersetzt,
z.B. celum statt caelum, obedire statt oboedire
ti vor Vokal wird wie ci ausgesprochen und oft auch so geschrieben,
z.B. racio statt ratio
h kann fehlen, wo es stehen müßte, und gesetzt werden, wo es eigentlich nicht hingehört,
z.B. onor statt honor, tema statt thema, honus statt onus, author statt autor
i und y sind austauschbar,
z.B. Ytalia statt Italia, sinagoga statt synagoga

Dazu kommen Änderungen, die aus der jeweiligen Volkssprache erklärbar sind.


Der Wortschatz wird durch griechische Ausdrücke, vornehmlich aus dem religiösen Bereich, erweitert, z.B.

und durch einzelne Wörter aus den Volkssprachen, z.B.

Antike Wörter ändern ihre Bedeutung (können aber auch in der alten Bedeutung weiterverwendet werden):

Es gibt kein umfassendes Lexikon des mittellateinischen Wortschatzes. Für die Suche nach einem Wort beginnt man daher mit den Standardlexika für das antike Latein (ggf. unter Beachtung der orthographischen Veränderungen), die manchmal auch nachantike Bedeutungen angeben, z.B.:

Weiterhin kann man verwenden:

Weitere, teilweise für bestimmte Länder bearbeitete Lexika findet man unter 63/A....


Der Satzbau unterscheidet sich v.a. durch zwei Eigenheiten vom antiken Gebrauch:

Dagegen ist der Ablativus absolutus außerordentlich beliebt.


© Th. Frenz 2002             zurück zum Kapitelanfang