Philosophische Fakultät
Projektdetails

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FORM1800 - Passauer Forschungsteam will Gartenreich Dessau-Wörlitz digitalisieren

FORM1800 - Passauer Forschungsteam will Gartenreich Dessau-Wörlitz digitalisieren
Big Data für die Geisteswissenschaften: Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Jörg Trempler und der Informatiker Prof. Dr. Siegfried Handschuh erstellen zusammen mit ihren Teams im Rahmen des Projekts FORM1800 ein Konzept für die Digitalisierung des Gartenreichs Dessau-Wörlitz. Das BMBF fördert das Vorhaben.

Paradies für Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker

Ein Kunstwerk aus Natur und Kultur auf 142 Quadratkilometern - das UNESCO-Weltkulturerbe "Gartenreich Dessau-Wörlitz" ist ein Paradies für Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker. Denn sie lesen die Gebäude, die Stuckierungen, die Ornamente und die Motive wie zeithistorische Dokumente: Das Gartenreich entstand im 18. Jahrhundert als Symbol einer neuen Naturauffassung. Der aufgeklärte Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740 - 1817) schuf die Kulturlandschaft zusammen mit dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736 - 1800). Es flossen ein: Beobachtungen aus Bildungsreisen in England, Frankreich, Italien und den Niederlanden. Auf dem weitläufigen Gelände finden sich also viele Bezüge - zu viele, als dass ein menschliches Gehirn alle denkbaren Verbindungen ohne Hilfsmittel herstellen könnte.

Big Data für die Geisteswissenschaften

Hier setzt das interdisziplinäre Projekt "Formtransfer um 1800 im Ensemble Gartenreich Dessau-Wörlitz", kurz FORM1800, des Passauer Kunsthistorikers Prof. Dr. Jörg Trempler, des Passauer Informatikers Prof. Dr. Siegfried Handschuh und seines Assistenten, des Historikers Simon Donig an: Gemeinsam erstellen sie ein Konzept, um das Ensemble aus Schlössern, Pavillons und ihre Ausstattung zu digitalisieren. "Unser Ziel ist es, Big Data für die Geisteswissenschaften nutzbar zu machen", sagt Prof. Dr. Handschuh. Prof. Dr. Trempler ergänzt: "Ab einem Datensatz von 500.000 Objekten wird es für uns interessant."

"Gott im Detail"

Zum Beispiel im Formenvokabular des gotischen Hauses im Wörlitzer Park (siehe Bild rechts; Foto: Heinz Fräßdorf, Creative Commons). In den Intarsien eines Tischs etwa findet sich ein Ornament, das auch in den äußeren gemalten Rahmen des Deckenspiegels im Speisezimmer eingearbeitet ist. Ebenso könnte sich die Form noch an anderen Stellen finden. Womöglich diente ein Gemmenabdruck aus der Sammlung des Fürsten Franz als Inspiration? Angesichts der schier unglaublichen Fülle an Formen und Details, die die Kunstgeschichte über Jahre beschäftigen würde, war eine Zusammenarbeit mit der Informatik naheliegend, denn die Antworten könnten sich aus der Analyse großer Datenmengen generieren lassen. Dafür braucht es die Expertise des Informatikers Handschuh, der das Formenvokabular des Kunsthistorikers in Algorithmen übersetzt. Seit mehr als einem Jahr entwickelt am Lehrstuhl Handschuh eine Gruppe um den Historiker Simon Donig Werkzeuge, die es erlauben, ästhetische Formen automatisiert zu erkennen, klassifizieren und kunsthistorisch exakt zu beschreiben. Diese können nun zum ersten Mal in größerem Umfang in der Praxis erprobt werden. "Wir suchen nach dem Gott, der im Detail steckt", erklärt Prof. Dr. Trempler.

Das geht so: Die beiden Teams überlegen, wie Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker Möbelstücke betrachten. Welche Eigenschaften sind hier zentral? Wer hat die Kunstwerke erschaffen? Aus welchem Land stammte er oder sie? Welche Holzart wurde verwendet, welche Lackierung? Wie ist die Oberfläche beschaffen? So wird kunsthistorisches Wissen in einer Weise formalisiert, die es für den Computer interpretierbar macht. Daraus wiederum entstehen lernfähige Algorithmen, die dem Kunsthistoriker oder der Kunsthistorikerin neue Erkenntnisse liefern könnten.

Konzept für Digitalisierung

Neun Monate lang erarbeiten Prof. Dr. Jörg Trempler, Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte und Bildwissenschaften, Prof. Dr. Siegfried Handschuh, Inhaber des Lehrstuhls für Informatik mit Schwerpunkt Digital Libraries and Web Information Systems, und dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter Simon Donig einen Plan, wie die Kulturlandschaft digitalisiert werden kann. Dazu möchten sie nicht alleine das Medium Fotografie nutzen, sondern in Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister auch mehrere Räume in dreidimensionalen Laserscans erfassen. Zweimal wird sich die Passauer Gruppe ein Bild vor Ort machen, die restliche Abstimmung erfolgt digital.

Digitales Archiv für kulturelles Erbe

Auch wenn das Projekt FORM1800 für sich selbst stehen kann, ist es vor allem auch im Hinblick auf ein größeres Ziel erdacht. Es generiert Daten für das Neoclassica Forschungs-Framework, angesiedelt am PACE, dem Passauer Centre for eHumanities. Neoclassica liefert neue Instrumente für Forschende in Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft, um Formen und ihr Vorkommen im Klassizismus zu verfolgen. Simon Donig erläutert: "In Neoclassica führen wir Verfahren der Objekt- und Merkmalserkennung in Bildern mit Techniken zur Analyse von natürlicher Sprache zusammen. Wenn etwa in einem Reisebericht des 18. Jahrhunderts ein bestimmter Pilaster beschrieben wird, soll das System das passende Objekt erkennen. So etwas gibt es bislang noch nicht. Das hat enormes Potential für die Geisteswissenschaften."

Entstehen soll eine Datenbank, die kulturelles Erbe digital archiviert und einem breiten Publikum zur Verfügung stellt. "Angelegt ist die Datenbank nach Linked-Data-Prinzipien", führt Prof. Dr. Handschuh aus, "Sie ist also anschlussfähig an andere Portale." Deshalb auch die Vision der beiden Professoren: "Wir erstellen ein Konzept, wie wir kulturelles Erbe speichern und teilen können. Das ist traumhaft für die Forschung", schwärmt Prof. Dr. Jörg Trempler.

Das Vorhaben erhält Fördermittel des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (BMBF) über eine Laufzeit von neun Monaten.




Projektleitung an der Universität Passau Prof. Dr. Siegfried Handschuh (Lehrstuhl für Informatik mit Schwerpunkt Digital Libraries and Web Information Systems)
Laufzeit 01.11.16 - 31.12.17
Mittelgeber
Logo des MittelgebersBMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung

Themenfelder Informatik, Kunstgeschichte


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