III.3.4.1. Wikipedia und die Encyclopædia Britannica

Im Jahre 2005 verglich das renommierte Wissenschaftsmagazin „Nature“ jeweils 42 Artikel aus der englischsprachigen Wikipedia und der Encyclopædia Britannica. Diese wurden aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ausgewählt und einer Expertengruppe zur Prüfung vorgelegt. Das Ergebnis kann man durchaus erstaunlich nennen. In Bezug auf schwerwiegende Fehler wie z.B. die falsche Auslegung wichtiger Theorien konnte Wikipedia der Britannica das Wasser reichen. In beiden Enzyklopädien konnten jeweils 8 solcher Fehler festgestellt werden. Bei kleineren sachlichen Fehlern, Auslassungen und missverständlichen Formulierungen konnte die Britannica mit 123 Fehlern etwas besser abschneiden als Wikipedia mit 162 Mängeln. Dennoch ist der Vorsprung der Britannica gering: Im Durchschnitt enthielt ein Britannica-Artikel 3 Fehler, ein Wikipedia-Artikel hingegen 4 Fehler.[182]

Die Antwort der Britannica ließ nicht lange auf sich warten. In einer Stellungnahme wurde Nature eine methodisch falsche Untersuchung vorgeworfen. Einige der getesteten Artikel stammten laut Aussage der Britannica nicht aus der Encyclopædia, sondern aus anderen Britannica-Ausgaben wie der „Britannica Student Encyclopedia“ oder dem Jahrbuch, wieder andere wurden den Experten nur in Ausschnitten vorgelegt. Schließlich wurde die Zählung der Fehler kritisiert: Diese wurden nicht nach Schwere gewichtet, außerdem gäbe es verschiedene Ansichten darüber, was in einen Enzyklopädie-Artikel gehört. In diesem Punkt machte die Britannica ihre Erfahrung als Herausgeber geltend.[183] Diese Vorwürfe wurden wiederum in einer kurzen Stellungnahme von Nature zurückgewiesen. Es wurde beispielsweise darauf verwiesen, dass Kürzungen auch an Wikipedia-Artikeln vorgenommen wurden, um vergleichbare Artikellängen zu erhalten.[184] Bei Wikipedia wurde die Untersuchung von Nature hingegen positiv aufgenommen. Auf der englischsprachigen Wikipedia existiert sogar eine Liste von Fehlernhttp://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Errors_in_the_Encyclop%C3%A6dia_Britannica_that_have_been_corrected_in_Wikipedia (in einem neuen Fenster), die in der Britannica zu finden sind, in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln allerdings korrigiert wurden.

Die Interpretation dieser Untersuchungsergebnisse soll an dieser Stelle um einige Aspekte erweitert werden, die das gute Abschneiden von Wikipedia etwas relativieren. Zum einen sagen Durchschnittswerte nichts über die Qualität eines einzelnen Artikels aus, da gerade bei Wikipedia sowohl hervorragende als auch schlechte Artikel nebeneinander stehen können. Bei der Britannica kann man von einem konstanteren Niveau ausgehen, da ihre Autoren streng nach deren wissenschaftlicher Qualifikation ausgewählt werden und eine Redaktion die Zusammenstellung überwacht.[185] Zum anderen blieben zwei Aspekte in der Studie der Nature unberücksichtigt: Während Wikipedia einen Vorteil im Hinblick auf die Aktualität hat, beklagten sich die prüfenden Experten über die schlechte Schreibweise und Strukturierung einiger Wikipedia-Artikel.[186] Zuletzt soll noch darauf hingewiesen werden, dass zur Untersuchung der Nature Artikel aus verschiedenen Wissensgebieten herangezogen wurden. Wie bereits erwähnt wurde, leiden die Wikipedia-Artikel zu geisteswissenschaftlichen Themen bislang - verglichen mit anderen Disziplinen - an quantitativen und qualitativen Mängeln.



[182] Vgl. Jim Giles, „Internet encyclopaedias go head to head“, in: Nature, Bd. 438 (2005), Nr. 7070, S. 900, online unter: http://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.htmlhttp://www.nature.com/nature/journal/v438/n7070/full/438900a.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 04.10.2006.

[183] Vgl. Encyclopædia Britannica, Inc., „Fatally Flawed. Refuting the recent study on encyclopedic accuracy by the journal Nature“, März 2006, online unter: http://corporate.britannica.com/britannica_nature_response.pdfhttp://corporate.britannica.com/britannica_nature_response.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 29.05.2006.

[184] Vgl. Nature, „Encyclopaedia Britannica and Nature: a response“, 23.03.2006, online unter: http://www.nature.com/press_releases/Britannica_response.pdfhttp://www.nature.com/press_releases/Britannica_response.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 29.05.2006. Eine detaillierte Widerlegung aller Kritikpunkte ist ferner auf http://www.nature.com/nature/britannica/eb_advert_response_final.pdfhttp://www.nature.com/nature/britannica/eb_advert_response_final.pdf (in einem neuen Fenster) zu finden.

[186] Vgl. Giles 2005, S. 901.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier