III.3.3.1. Vandalismus

Vandalismus im Internet bedeutet, dass Diskussionsforen zur Verbreitung von falschen oder unpassenden Informationen missbraucht werden. Da die Bearbeitungsfunktion von Wikipedia kaum Restriktionen enthält, stellt auch das kommentarlose Löschen von Inhalten ein Problem dar. Vandalismus umfasst damit sowohl unbeabsichtigte als auch mutwillige „Verschlimmbesserungen“. Letztere können das Ergebnis zielloser Veränderungen, also der Lust an der Zerstörung, aber auch ideologisch motiviert sein und damit den Grundsatz des neutralen Standpunktes verletzen. Besonders Artikel aus den Bereichen Politik und Geschichte sind durch ideologischen Vandalismus gefährdet. In den Artikeln zur Geschichte werden oft nationalistische Sichtweisen eingebracht. Als problematisch gelten daher Artikel wie beispielsweise diejenigen zum Zweiten Weltkrieg oder zum Völkermord an den Armeniern.[163] Ein und derselbe Artikel kann sich auch in verschiedenen Sprachversionen vollkommen unterschiedlich entwickeln. Je internationaler die Autorenschaft ist, desto eher wird die in einem Nationalstaat oder einer ethnischen Gruppierung vorherrschende Interpretation durch Außenansichten ergänzt.[164] Dies ist auch ein Argument dafür, im Zweifel anderssprachige Wikipedias zu einem Artikel zu konsultieren.

Obwohl durch Vandalismus beschädigte Artikel normalerweise innerhalb kurzer Zeit korrigiert werden, erregte im Sommer 2005 der Fall Seigenthaler großes Aufsehen. Der Artikel brachte den US-Journalisten John Seigenthaler fälschlicherweise mit der Ermordung John F. Kennedys in Verbindung, der Fehler wurde allerdings 132 Tage lang nicht entdeckt.[165] Etwa ein Jahr später verfälschte der Komiker Stephen Colbert vor laufenden TV-Kameras den Eintrag über George Washington und rief die Zuschauer dazu auf, über Wikipedia die Information zu verbreiten, die Elefantenpopulation Afrikas habe sich im zurückliegenden halben Jahr verdreifacht. Etwa 20 Artikel über Elefanten mussten daraufhin von den Administratoren gesperrt werden.[166] Auch aus der deutschsprachigen Wikipedia sind gezielte Manipulationen bekannt. Im Frühjahr 2006 editierten Siemens-Mitarbeiter den Eintrag über Klaus Kleinfeld, um ihren neuen Chef in einem positiveren Licht erscheinen zu lassen. Gerade Korrekturen in eigener Sache sind bei Wikipedia keine Seltenheit, wie die versuchte Diffamierung von politischen Gegnern und die Aufwertung des eigenen Lebenslauf durch Kongress-Abgeordnete in den USA zeigen.[167]

Die zu jedem Artikel gehörigen Diskussionsseiten dienen dazu, Meinungsverschiedenheiten über den Inhalt oder die weitere Entwicklung des Artikels auszutragen. Vandalen zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie gerade nicht an diesen Diskussionen teilnehmen oder diese ausarten lassen. Dann kann sich ein sogenannter „Edit-War“ entwickeln. Dabei versuchen zwei Parteien ihre Version des Artikels durchzusetzen, indem der Artikel sofort geändert wird, wenn die Gegenseite eingreift. Dadurch wird der Artikel für andere Autoren blockiert.[168]

Falls die Selbstregulation der Gemeinschaft versagt, verfügt Wikipedia dennoch über Mittel, gegen Vandalismus vorzugehen. Zu jedem Artikel wird durch die Wiki-Software eine ausführliche Versionsgeschichte angelegt. In ihr ist nicht nur verzeichnet, wer die Änderungen vorgenommen hat, sondern auch, was genau verändert wurde. Dabei wird entweder der Benutzername des Autors oder, im Falle von nicht angemeldeten Benutzern, die IP-Adresse gespeichert, über die ein Benutzer eindeutig zurückverfolgt werden kann. Damit wird auch der oft vorgebrachte Vorwurf entkräftet, der Leser könne die Vorgeschichte eines Artikels nicht nachvollziehen.[169] Aufgrund dieser Daten kann ein Administrator den Übeltäter ermitteln und den Benutzer oder die IP-Adresse auf Zeit blockieren. Allerdings ist es sehr leicht, eine neue IP zu bekommen, weshalb dieser Schutz leicht unterlaufen werden kann. Da durch die Versionsgeschichte ältere Artikelversionen komplett gespeichert werden, ist auch eine Wiederherstellung einer früheren, besseren Version möglich. Administratoren können ferner einen Artikel schützen und so für eine weitere Bearbeitung sperren.[170] Derzeit wird über die Einführung einer „stabilen Artikelversion“ diskutiert, welche die Besucher zuerst zu Gesicht bekommen sollen und parallel zu einer editierbaren Version existieren. Von Zeit zu Zeit wird die veränderte Version, sofern ihre Qualität gesichert ist, zur neuen stabilen Version erklärt. Diese Funktion soll zuerst in der deutschsprachigen Wikipedia getestet werden, allerdings scheiden sich darüber die Geister, da stabile Versionen das Wiki-Prinzip der unmittelbaren Übernahme der Änderungen verletzen würden.[171] Schließlich wird eine Liste mit vandalismusgefährdeten Artikeln, die unter besonderer Beobachtung stehen, geführt. Daneben kann jeder angemeldete Benutzer einen Artikel auf eine Beobachtungsliste setzen. Er wird dann automatisch über Änderungen am Artikel informiert.[172]



[163] Vgl. Ingo Frost, Zivilgesellschaftliches Engagement in virtuellen Gemeinschaften. Eine systemwissenschaftliche Analyse des deutschsprachigen Wikipedia-Projekts, München 2006, S. 33.

[164] Vgl. Frost 2006, S. 28.

[165] Vgl. Roy Rosenzweig, „Can History Be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past“, in: Journal of American History, Bd. 93 (2006), Nr. 1, S. 133.

[166] Vgl. David Goeßmann, „Wikimania-Tagung 2006: Elefanten überrennen Wikipedia“, 07.08.2006, online unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,430440,00.htmlhttp://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,430440,00.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 07.08.2006.

[167] Vgl. Rüdiger Ditz, „Peinliche PR: Mitarbeiter schönen Wikipedia-Eintrag über Siemens-Chef“, 27.05.2006, online unter: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,418309,00.htmlhttp://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,418309,00.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 27.05.2006.

[168] Vgl. Frost 2006, S. 36.

[169] Vgl. Rosenzweig 2006, S. 135.

[170] Vgl. Frost 2006, S. 45.

[171] Vgl. Holger Dambeck, „Stabile Artikel: Wikipedia plant Zwei-Klassen-Gesellschaft“, 07.07.2006, online unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,425434,00.htmlhttp://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,425434,00.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 07.08.2006.

[172] Vgl. Frost 2006, S. 32.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier