III.2.1. Restrukturierung der Wahrnehmung von Nutzern

Dadurch, dass Suchmaschinen den Informationszugriff im Internet quasi monopolisiert haben, strukturieren sie die Weltwahrnehmung der Nutzer neu. Bei der Eingabe eines Suchbegriffs entscheidet die Suchmaschine automatisch, welche Seiten zu dem gesuchten Thema passen und welche nicht. Die Sortierung der Treffer nach Relevanz erfolgt dabei anhand mathematischer Algorithmen, von denen der Nutzer keine Kenntnis hat, da die Suchmaschinenbetreiber ihre Technologie mit dem Hinweis auf Betriebsgeheimnisse schützen wollen.[130] Die Technik der Suchmaschinen ist für den Nutzer eine „Blackbox“, deren Ergebnisse einerseits deterministisch zustande kommen, aber andererseits für Außenstehende nicht überprüfbar sind. Dennoch delegieren die Benutzer die Auswahl und die Bewertung von Ressourcen, die früher Experten, Bibliothekaren oder der eigenen Urteilskraft oblag, bereitwillig an eine Maschine. Diese Beschleunigung der Informationsbeschaffung führt dazu, dass Informationen nicht mehr über ihre Korrektheit, sondern über ihre Zugänglichkeit qualifiziert werden.[131]

Welche Seiten Aufmerksamkeit erlangen und welche nicht, hängt maßgeblich davon ab, wie früh sie in der Trefferübersicht der Suchmaschinen erscheinen. Laut einer Studie von „Jupiter Research“ und der Marketingfirma „iProspect“ begnügen sich über 60% der Nutzer mit den Ergebnissen, die auf der 1. Seite dargestellt werden, nur 10% gehen bei ihrer Suche auch über die 3. Seite hinaus.[132] Eine Online-Umfrage der Universität Karlsruhe aus dem Jahre 2004 deckt diese Darstellung: Danach betrachten etwa 70% der Suchmaschinenbenutzer nur bis zu 5 Ergebnisseiten.[133] Die Online-Angebote, die in der Trefferübersicht später erscheinen, werden vom Nutzer nicht mehr wahrgenommen und sind für ihn daher nicht mehr existent. Dabei ist es egal, ob eine Website auf Seite 20 oder Seite 100 auftaucht, da beide keine Aufmerksamkeit mehr erlangen.[134]

Die PageRank-Technologie von Google, die die Suchergebnisse anhand ihrer Linkpopularität ordnet, öffnet dabei die Kluft zwischen wahrgenommenen und „unsichtbaren“ Seiten noch weiter. Eine Seite, die sich bereits hoher Bekanntheit erfreut und daher oft verlinkt wurde, erhält durch die prominente Platzierung in Google noch mehr Aufmerksamkeit. Andererseits bleibt den unbekannten Seiten, die spät in der Trefferübersicht auftauchen, eine Steigerung ihrer Popularität verwehrt.[135]



[130] Vgl. Katja Schmid, „Manipulierte Wegweiser. Qualität und Nutzung von Suchmaschinen“, 27.11.2003, online unter: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16190/1.htmlhttp://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16190/1.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 24.06.2006.

[131] Vgl. Nina Degele, „Neue Kompetenzen im Internet. Kommunikation abwehren, Information vermeiden“, in: Kai Lehmann/Michael Schetsche (Hg.), Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens, Bielefeld 2005, S. 63.

[132] Vgl. iProspect, „Search Engine User Behaviour Study“, April 2006, online unter: http://www.iprospect.com/premiumPDFs/WhitePaper_2006_SearchEngineUserBehavior.pdfhttp://www.iprospect.com/premiumPDFs/WhitePaper_2006_SearchEngineUserBehavior.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 26.06.2006.

[133] Vgl. Nadine Schmidt-Mänz/Christian Bomhardt, „Wie suchen Onliner im Internet?“, in: Science Factory, Nr. 2/2005, S. 6, online unter: http://www.absatzwirtschaft.de/pdf/sf/Maenz.pdfhttp://www.absatzwirtschaft.de/pdf/sf/Maenz.pdf (in einem neuen Fenster), Abruf: 11.10.2006.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier