II.8.3. Nutzen und Validierung von Diskussionsforen

Die Vorteile von Diskussionsforen gegenüber anderen Hilfsmitteln sind evident: Da die Beiträge von realen Personen stammen und nicht automatisch generiert werden, wird mehr als nur reine Information, nämlich Wissen und Erfahrung weitergegeben. Besonders bei Mailinglisten kann man Hilfe von Experten ihres Fachs bekommen.[80] Auf diese Weise können auch sehr spezielle Problemstellungen gelöst werden, bei denen die konventionelle Recherche an ihre Grenzen stößt. In der Diskussion zwischen Forschern, Lehrenden und Studenten können sich neue Formen der Kooperation herausbilden und zu einem tieferen Verständnis historischer Zusammenhänge beitragen, zumal Diskussionsforen einen höchst demokratischen Charakter haben können.[81] Die Diskussionspartner können auch Ungenauigkeiten in der Formulierung der Fragen ausgleichen. Andere, durch Algorithmen gesteuerte Hilfsmittel wie Suchmaschinen würden dabei im ungünstigsten Falle nur unbrauchbare Ergebnisse liefern.

Dem stehen allerdings einige gravierende Nachteile gegenüber: Zum einen gibt es keine Garantie, dass man in absehbarer Zeit eine Antwort auf den eigenen Beitrag bekommt.[82] Erhält man tatsächlich schnell Antworten, so fällt die Einschätzung oft schwer, ob der Diskussionspartner vertrauenswürdig und kompetent ist. Die Benutzerprofile, sofern sie überhaupt vorhanden sind, können wenige oder auch falsche Angaben enthalten. Zum anderen sind Beiträge in Diskussionsforen nicht zitierfähig. Abgesehen von der Problematik der Beurteilung eines Beitragsautors und der mehr am mündlichen Sprachgebrauch orientierten Schreibweise, sind sie besonders flüchtig. Die Gefahr ist sehr groß, dass Beiträge später nicht mehr aufgefunden werden können. Für die Öffentlichkeit ohnehin nicht zugänglich sind über Mailinglisten verschickte Beiträge und solche Webforen, deren Administrator nur angemeldeten Benutzern Leserechte erteilt.

Selbst bei intensiv moderierten Diskussionsforen kann es vorkommen, dass man unqualifizierte Antworten erhält. Dies wird nur dann einigermaßen zuverlässig unterbunden, wenn die Prüfung durch den Moderator noch vor der Veröffentlichung stattfindet, wie es bei Mailinglisten der Regelfall ist. Bei Webforen greifen Moderatoren oft erst ein, wenn die Beiträge schon eine gewisse Zeit im Netz stehen. Eine Freigabe von Antworten nur nach vorheriger Prüfung wird zwar von beinahe jeder Forensoftware unterstützt, findet aber in der Praxis wenig Anwendung. Bei den offen zugänglichen und kaum oder gar nicht moderierten Newsgroups muss man mit vielen unqualifizierten Beiträgen rechnen. Diese sollte man einfach ignorieren und sich auf die wirklich brauchbaren Antworten konzentrieren.[83] Trotz Netiquette kommt es immer wieder vor, dass Diskussionen völlig entgleisen und sich die Diskussionspartner persönlich angreifen. Diese Tatsache wurde überspitzt in „Godwin's Law“ aufgegriffen, dass sich ursprünglich nur auf das Usenet bezog. Laut Godwin's Law enden selbst endlose Diskussionen spätestens dann, wenn jemand einen Nazivergleich zieht und sich damit selbst als Diskussionspartner disqualifiziert. Usenet-Benutzer sollten stattdessen für solche Anstößigkeiten sensibilisiert werden.[84] Manchmal beinhalten Beiträge auch derart viele Orthografie- und Interpunktionsfehler, dass sie schlicht unlesbar sind.

Die Konsultation von Diskussionsforen bietet sich dann an, wenn man mit anderen Recherchehilfsmitteln an einen toten Punkt gelangt ist. Besonders hilfreich sind sie, wenn die Diskussionspartner auch Quellen und Literatur angeben. Als Ausgangspunkt einer Recherche oder als zentrales Hilfsmittel eignen sie sich nicht. Die anderen Teilnehmer können sehr ungehalten werden, wenn sie den Eindruck haben, dass man sich selbst noch nicht ausreichend mit der Materie befasst hat und daher die Arbeit auf andere abwälzen will.[85] Auch das erneute Stellen von Fragen, die in der Vergangenheit schon einmal behandelt wurden und daher über die Suchfunktion aufzufinden sind, wird nicht gerne gesehen. Schließlich ist auch nicht jeder dazu bereit, Daten über sich preiszugeben, wie es oft bei der Anmeldung erforderlich ist.



[80] Vgl. McMichael 2005, S. 62.

[81] Vgl. Patrick D. Reagan, History and the Internet: A Guide, New York 2002, S. 36.

[82] Vgl. McMichael 2005, S. 52.

[83] Vgl. McMichael 2005, S. 61.

[84] Vgl. Mike Godwin, „Meme, Counter-meme“, in: Wired, Bd. 2 (1994), Nr. 10, S. 85, online unter: http://www.wired.com/wired/archive/2.10/godwin.if_pr.htmlhttp://www.wired.com/wired/archive/2.10/godwin.if_pr.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 31.10.2006.

[85] Vgl. McMichael 2005, S. 55.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier