II.7.3. Nutzen und Validierung von Online-Textsammlungen

Auch wenn es nicht jedermanns Sache ist, längere Texte am Bildschirm zu lesen, können Online-Textsammlungen den Gang zur Bibliothek und die Beachtung von Leihfristen im Idealfall überflüssig machen. Da die Texte in elektronischer Form vorliegen, lassen sie sich sehr einfach weiterverarbeiten und nach Stichwörtern durchsuchen, was das Auffinden bestimmter Textstellen immens erleichtert. Dem stehen allerdings zwei gravierende Probleme gegenüber.

Erstens können aufgrund der Urheberrechtsbestimmungen fast nur ältere Texte und Bücher kostenlos angesehen werden. Nach aktuellen Büchern und Aufsätzen sucht man meist vergeblich. Fachverlage zeigen bis jetzt wenig Bereitschaft, ihre Publikationen kostengünstig oder gar kostenlos jedem zugänglich zu machen. Aber auch aufgrund der unterschiedlichen Rechtssituation in verschiedenen Ländern kann es zu Schwierigkeiten kommen. Wenn sich eine Online-Textsammlung am US-amerikanischen Urheberrecht orientiert, dann heißt das nicht automatisch, dass ein auf der Seite als „public domain“ gekennzeichneter Text auch nach deutschem Recht gemeinfrei ist. Im Zweifelsfall sollte man dann das Herunterladen des Textes unterlassen.

Zweitens bestehen Zweifel an der Herkunft der Texte. Es kann im Einzelfall sehr schwierig sein zu klären, ob es sich tatsächlich um die unveränderte Digitalisierung einer Originalausgabe handelt oder ob der Text im Nachhinein „verbessert“ wurde. Einfache Quellenangaben reichen daher nicht aus. Die Forderung an eine gute Online-Textsammlung ist vielmehr, dass zum einen ihr Anbieter vertrauenswürdig ist und zum anderen die Richtlinien, nach denen Texte aufgenommen und mit Quellenangaben versehen werden, klar offen gelegt werden. Als im Allgemeinen zuverlässig können die Angebote von Hochschulen und renommierten Instituten gelten. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass alle kommerziellen Angebote oder Community-Projekte schlecht sind. Was die Herkunftsangaben anbelangt, so sollte ein Anbieter nicht nur klar festlegen, aus welchen Quellen er Texte akzeptiert und aus welchen nicht, sondern Texte mit ungesicherter Herkunft sollten, wie es bei Wikisource praktiziert wird, deutlich als solche gekennzeichnet werden. Dass besondere Vorsicht bei der Benutzung von Online-Textsammlungen geboten ist, zeigt das kommerzielle „Projekt Gutenberg-DE“, das mit dem freien Project Gutenberg nichts zu tun hat und keine Editionsrichtlinen angibt.

Die Google Buchsuche droht hingegen den Benutzer mit der Masse an Treffern zu erschlagen. Zudem sind die bibliografischen Angaben unzureichend, so dass beispielsweise bei mehrbändigen Werken nur ein Blick in das digitalisierte Buch selbst verrät, um welchen Band es sich handelt.[63] Außerdem ist auf vielen Abbildungen der Text nicht gut zu lesen, was die Augen schnell ermüdet. Die bibliografischen Angaben von Project Gutenberg sind sogar völlig ungenügend, so dass die zur Digitalisierung verwendete Vorlage unbekannt bleibt.

Aufgrund dieser Tatsachen können Online-Textsammlungen die aus der Bibliothek erhaltene Literatur höchstens ergänzen, nicht aber ersetzen. Da oft große Zweifel hinsichtlich der Herkunft der Texte bestehen, ist eine Literaturrecherche nur mit der nötigen Vorsicht empfohlen.



[63] Vgl. Holger Dambeck, „Urheberrecht abgelaufen: Google stellt Tausende Bücher ins Netz“, 30.08.2006, online unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,434319,00.htmlhttp://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,434319,00.html (in einem neuen Fenster), Abruf: 31.08.2006.

„Wer sucht, der findet - oder auch nicht.“PDF-VersionCopyright © 2006 Christoph Bichlmeier