Grundbegriffe der Mediävistik
Ehe

Die Ehe gehört im Mittelalter zu den causae spirituales, die nach kirchlichem Recht geregelt sind, so daß im Streitfall das kirchliche Gericht (d.h. in letzter Instanz der Papst) zu entscheiden hatte.
Allerdings gelang es dem Klerus nur allmählich, diese Auffassung gegenüber älteren, noch aus heidnischer Zeit stammenden Rechtsvorstellungen durchzusetzen.
Die Formpflicht der Eheschließung im heutigen Sinne hat erst das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert eingeführt. Deshalb gab es im Mittelalter viele klandestine (heimliche) Ehen und zahlreiche Fälle von (bewußter oder unbewußter) Bigamie.

Die Eheschließung umfaßte zwei Vorgänge, die beide gültig ablaufen mußten: contractio und consummatio.

Wichtig sind die Ehehindernisse: eine Ehe war nicht zulässig, wenn die Eheleute zu nah verwandt waren, d.h. einen gemeinsamen Vorfahren innerhalb von sieben (seit 1215: vier Generationen) hatten. (Auf diese Weise verbindet sich das Eherecht mit der Genealogie.) Wurde eine solche Ehe dennoch geschlossen, war sie trotz contractio und consummatio ungültig, Mann und Frau lebten im Konkubinat, die Kinder waren Bastarde und nicht erbberechtigt, und zwar selbst dann, wenn keine Absicht vorlag und die Verwandtschaft erst nach Jahrzehnten entdeckt wurde.
Der Papst nahm das Recht für sich in Anspruch, von den Ehehindernissen zu dispensieren; ausgenommen ist nur die Ehe zwischen Geschwistern, die nach göttlichem Recht verboten ist.

Eine gültig geschlossene Ehe kann nicht mittelalterlicher Rechtsauffassung nicht getrennt werden; eine Scheidung ist absolut ausgeschlossen. Wenn sich eine Ehe im nachhinein als politisch unerwünscht erwies, mußte deshalb der Nachweis versucht werden, die Eheschließung als ungültig (fehlende contractio und/oder comsummatio) oder als unzulässig (zu nahe Verwandtschaft) zu erweisen. Dabei ging es nicht immer mit rechten Dingen zu.


© Th. Frenz 2002         zurück zum Kapitelanfang