Päpstliche Kanzlei

Die päpstliche Kanzlei entwickelte sich, in ungebrochener Kontinuität seit der Antike, aus kleinen Anfängen zur größten und kompliziertesten Kanzlei des Mittelalters.

Ursprünglich wurden die päpstlichen Urkunden von den sieben römischen Regionarnotaren ausgestellt, die sich ggf. der übrigen römischen Notare ("Skriniare") bedienten. Als die Päpste seit der Kirchenreform (11. Jahrhundert) häufiger Rom verließen, zogen sie auf ihren Reisen mobiles Personal ihres Vertrauens heran, welches dann auch in Rom selbst tätig wurde und die stadtrömsichen Notare allmählich verdrängte.

An der Spitze der Kanzlei stand zunächst der Bibliothekar der Römischen Kirche, der durch den Kanzler verdrängt wurde, dieser wiederum durch den Vizekanzler. Seit dem Spätmittelalter ist der Kanzleileiter immer ein Kardinal.

Den Kern der hoch- und spätmittelalterlichen Kanzlei bilden die Notare, die von Schreibern (für die Reinschriften) und Abbreviatoren (für die Erstellung der Konzepte) unterstützt werden. Wegen der steigenden Urkundenzahlen werden dem Papst bald nur noch die wichtigsten Angelegenheiten zur Entscheidung vorgelegt; Routinefälle bearbeitet die Kanzlei selbständig. Seit dem späten 14. Jahrhundert sind auch die päpstlichen Sekretäre (neben der regulären Kanzlei) in der Urkundenausstellung tätig.

Die Bitten müssen seit dem 14. Jahrhundert schriftlich vorgetragen werden (Suppliken). Die Prüfung und Genehmigung (bzw. die Vorbereitung der päpstlichen Genehmigung) ist seit dem 15. Jahrhundert den Referendaren übertragen. Die fertige Urkunde wird besiegelt, registriert (seit dem 15. Jahrhundert Pflicht, vorher nur auf Verlangen des Bittstellers) und nach Zahlung der Gebühren ausgehändigt.

Die Gebühren (Taxen) sind gemäß der Taxordnung Johannes' XXII. vier gleich hohe Zahlungen für 1. Konzept, 2. Reinschrift, 3. Siegel, 4. Register. Dazu kommen aber Sonderzahlungen und Trinkgelder für die Bediensteten der Kanzlei. Die Höhe der Gebühren richtet sich nach dem Inhalt der Urkunde, nicht nach dem Arbeitsaufwand. Durch zusätzliche Gebühren können die Expedition beschleunigt und ungewöhnliche Genehmigungen erreicht werden.

Es gibt folgende Urkundenarten:

  • feierliche Privilegien (mit Bleisiegel und Kardinalsunterschriften)
  • litterae (mit Bleisiegel, verschiedene Ausstattung je nach Inhalt)
  • Breven (mit Fischerringsiegel, erst seit 1378, nur für bestimmte Materien, kostengünstig)
  • sola signatura gültige Suppliken (die Bittschrift selbst dient als Urkundenersatz, keine förmliche Expedition durch die Kanzlei, nur für bestimmte Materien, sehr kostengünstig)

Für die praktische Durchführung der Expedition bieten gewerbsmäßige Prokuratoren ihre Hilfe an. außerdem gibt es schriftliche Anleitungen.

Die Posten in der Kanzlei werden seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in käufliche Ämter umgewandelt (officia venalia vacabilia), um den steigenden Finanzbedarf der Kurie zu decken. Der Interessent erwirbt das Amt vom Papst für eine feste Summe; die mit dem Amt verbundenen Einnahmen (z.B. die Taxen) bilden gewissermaßen die Verzinsung der Kaufsumme. Der Inhaber erhält das Amt auf Lebenszeit und kann es sogar weiterverkaufen; nur wenn er vorher stirbt, fällt es an den Papst zurück, der es erneut verkaufen kann. Zum Schutz ihrer Rechte sind die meisten Ämter als Kollegium organisiert; d.h. sie verwalten ihre dienstlichen Angelegenheiten selbständig.


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