Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt empirische Lehr-/Lernforschung
Projektdetails

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GAUL: Geschlechtsspezifische Aufmerksamkeitsverteilung im Unterricht durch Lehrkräfte

Interagieren Lehrkräfte im Klassengespräch mehr mit Jungen oder mehr mit Mädchen? Ist dies abhängig vom Unterrichtsfach und spielt das Lehrergeschlecht eine Rolle? Das GAUL-Projekt sammelt sei 2011 Daten aus Unterrichtsbeobachtungen.

Das Zwei-Drittel-Gesetz aus den 1980er Jahren

Aus der Perspektive feministischer Schulforschung wurde in den 80er Jahren des 20. Jhds. die These vom Zwei-Drittel-Gesetz aufgestellt (Spender 1985). Dieses besagt, dass Jungen im Unterricht insgesamt zwei Drittel der Aufmerksamkeit ihres Lehrers bzw. ihrer Lehrerin erhalten, während auf die Gruppe der Mädchen nur ein Drittel entfällt.

Trotz fehlender empirischer Absicherung dieser Behauptung und starker methodischer Kritik an den Studien der feministischen Koedukationsforschung - von Drerup als "Bewegungsliteratur" statt als Forschung diskreditiert (vgl. Drerup 1997) -, waren die Untersuchungen der 80er Jahre wichtig für die Weiterentwicklung der geschlechterbezogenen empirischen Unterrichtsforschung. Dadurch dass diese und spätere Studien zeigen konnten, wie "trotz formaler Gleichheit faktische Ungleichheit praktiziert wird" (Schneider et al. 2003, 10), wurde die Kategorie Geschlecht in großem Stil zum Untersuchungsgegenstand in der empirischen Bildungsforschung.

Kritik an der "Ko-Instruktion"

Mit der gefundenen ungleichen Partizipation am unterrichtlichen Interaktionsgeschehen wurde eine heftige Kritik an der koedukativen Schule verbunden, die eher eine "Ko-Instruktion" der beiden Geschlechter, denn eine echte Ko-Edukation vollziehe und dabei die Mädchen stark benachteilige (vgl. die Darstellungen bei Hoppe et al. 2001, Neumann 2002). Nachdem seit einer Reihe von Jahren Bildungsnachteile eher auf der Seite der Jungen festgestellt wurden (Überrepräsentation auf Sonderschulen, bei Klassenwiederholungen, durchschnittlich niedrigere Leistungen als Mädchen in Abschlussklassen des höheren Bildungswesens; vgl. Diefenbach 2008), stellt sich die Frage nach einer Bevorzugung oder Benachteiligung einer Geschlechtsgruppe bis heute.

Welche Rolle das Geschlecht heute spielt

Das GAUL-Projekt geht der Frage nach, ob von einer ungleichen Aufmerksamkeitsverteilung/Interaktionshäufigkeit im Unterricht nach wie vor gesprochen werden kann. Dabei wird im Einzelnen folgenden Fragen nachgegangen:

  1. Lassen sich die Befunde früherer Studien, die eine deutliche Bevorzugung von Jungen in Bezug auf die Häufigkeit der Interaktionen mit der Lehrkraft zeigten, heute replizieren?
  2. Lassen sich in Abhängigkeit vom Unterrichtsfach, der Schulart, den Schulleistungen oder der Klassenstufe unterschiedliche Interaktionshäufigkeiten zwischen Lehrkräften und Jungen resp. Mädchen finden?
  3. Lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrkraft und ihrem Interaktionsverhalten im Unterricht nachweisen?
Seit 2011 erfolgen Unterrichtsbeobachtungen

Die GAUL-Studie wird als Beobachtungsstudie durchgeführt. Im Rahmen von Qualifikationsarbeiten erfolgen seit 2011 Unterrichtsbeobachtungen mit dem gleichen Beobachtungsinstrument, die aktuell zu einem Datensatz zusammengeführt und ausgewertet werden. Dabei werden für jeden Schüler und jede Schülerin aufgezeichnet, wie oft er/sie nach Meldung aufgerufen wurde, ohne Meldung aufgerufen wurde und wie oft seine/ihre hereingerufenen Antwort durch die Lehrkraft aufgegriffen wurde.




Projektleitung an der Universität Passau Prof. Dr. Jutta Mägdefrau (Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt empirische Lehr-/Lernforschung)
Website http://www.phil.uni-passau.de/erziehungswissenschaft/forschung/geschlechtsspezifische-aufmerksamkeitsverteilung-im-unterricht-durch-lehrkraefte-gaul/
Themenfelder Erziehungswissenschaft, Allgemeine und fachbezogene Lehr-, Lern- und Qualifikationsforschung, Sozialisations-, Institutions- und Professionsforschung, Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie


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