Lehrprofessur für Methoden der empirischen Sozialforschung
Wolfgang Karlstetter, M. A.

Wolfgang Karlstetter, M. A.

Wolfgang Karlstetter, M. A.

Fax: +49 851 509 - 2064 (Lehrprofessur)
E-Mail: karlst04atgw.uni-passau.de

Abstract

Für ein klares Verständnis der Multidimensionalität von politischen Einstellungen:
Die Integration von Empathie und Kontext-Faktoren

Täglich stellt jeder von uns Thesen über seine Mitmenschen auf, um deren Verhalten einordnen und zukünftiges Verhalten prognostizieren zu können. Dies wird uns durch unser Empathievermögen ermöglicht – unsere Einfühlungsgabe, mit der wir uns in die Gedanken und Gefühlslage anderer hineinversetzen können. Durch diesen teils angeborenen, in erheblichem Maße aber sozialisierten Persönlichkeitszug, wird soziale Interaktion überhaupt möglich.
Sich in andere hineinzuversetzen erfordert sich für diese überhaupt zu interessieren. Deshalb ist „Empathie immer dort essentiell, wo Menschen versuchen gerechtere […] soziale Strukturen zu schaffen” (Gerdes 2011: 230). Jedoch ist prosoziale Motivation kein ‚Selbstläufer' und führt nicht ‚automatisch' zu prosozialen gesellschaftspolitischen Einstellungen. Diese hängen ganz wesentlich davon ab, in welchem sozialen Kontext sich die beteiligten Personen gegenüberstehen. Zahlreiche neurowissenschaftliche und psychologische Studien zeigen, dass wir jenen, die wir in irgendeiner Form als anders erfahren bzw. weniger kennen (bzgl. Hautfarbe, nationale Zugehörigkeit etc.), weniger hilfsbereit gegenüberstehen.
Der politikwissenschaftliche Forschungsstand zeigt einen ähnlichen Befund: Unsere politischen Einstellungen können unterschiedlich ausfallen, je nach dem welcher gesellschaftlich oder politisch definierten Gruppe (z.B. Frauen oder Immigranten) wir diese entgegenbringen – sie können prosozial oder antisozial sein. Ein zentrales erklärendes Persönlichkeitskonstrukt der Einstellungsforschung ist hierfür beispielsweise eine autoritäre Grundeinstellung. Diese steht (neben der Einstellung gegenüber bestimmten Gruppen) in engem Kausalverhältnis mit einem zweiten Kontextfaktor – der Mittel-Präferenz zur Erreichung sozialpolitischer Ziele: Individuelle Einstellungen zu politischen Vorhaben unterscheiden sich je nachdem, in welcher Weise – sozial oder monetär1 – die potentiellen Zielgruppen von diesen profitieren sollen.

Trotz der Bedeutung von Empathie und der Ähnlichkeit der Befunde in der Forschung gibt es bislang kein Konzept, dass Empathie und die ‚traditionellen„ Erklärungsvariablen hinsichtlich der Erklärung von politischen Einstellungen vereint.
Aus methodischer Sicht hängt dies damit zusammen, dass es (anders als bei anderen Persönlichkeitskonstrukten) keine Kurzskala2 für Empathie gibt, welche eine breitere politikwissenschaftliche (aber auch interdisziplinäre) Forschung ermöglichte. Auch fehlt es an einem theoretischen Rahmen, der die Forschungsstränge und ihre verschiedenen Konstrukte zur Erklärung von (politischen) Einstellungen ‚einbettet'.

Damit stellt sich für die geplante Dissertation die zentrale Frage: Warum, in welcher Weise und in welchem Maße beeinflussen Empathie und Kontextfaktoren unsere politischen Einstellungen?
Als theoretische Grundorientierung dient die Construal-Level Theory of Psychological Distance (CLT) von Trope und Liberman (2010). Diese sozialpsychologische Meta-Theorie erklärt den Zusammenhang zwischen sozialer Distanz, das Hineinversetzen-Können in andere, und Einstellungen zu diesen anderen. Übertragen auf das vorliegende Forschungsthema wird Empathie als generelle Fähigkeit und Bereitschaft zur Überwindung von sozialer Distanz verstanden. Politische Grundeinstellungen wie Autoritarismus reflektieren, wie wichtig einem Individuum soziale Distanz zu anderen im Allgemeinen ist, und welche Mittel zur Erreichung sozialpolitischer Ziele Individuen präferieren. Generelle Einstellungen gegenüber spezifischen Gruppen (Frauen, Immigranten, etc.) erfassen, wie viel soziale Distanz ein Individuum zu der jeweiligen Gruppe im Allgemeinen möchte.
Jene Konstrukte, welchen den Kontext psychologische Distanz (vor allem soziale Distanz) zu bestimmten Gruppen erfassen, moderieren somit den Kausaleffekt von Empathie und politischen Grundseinstellungen auf spezifische (pro- oder anit-soziale) Einstellungen. Übersetzt heisst das: sie geben sozialer Motivation eine ‚Richtung'.

Entsprechend beantwortet die geplante Dissertation die zentrale Frage in drei Schritten:

  1. Die Konstruktion einer Kurzskala für Empathie (nahezu abgeschlossen);
  2. Die Messung und theoretische Einordnung von Empathie im Verhältnis zu anderen Konstrukten, die individuelle politische Einstellungen erklären (z.B. Authoritarismus);
  3. Die systematische Erfassung von Einstellungen gegenüber spezifischen politischen Vorhaben in Abhängigkeit der Faktoren „grundsätzliches Empathie-Vermögen“, „soziale Distanz(ierung) zu anderen“ und „politische Mittel-Präferenz“ (sozial vs. monetär).

Ziel ist ein theoretisch begründetes statistisches Strukturgleichungsmodell (SEM), welches politische Einstellungen präziser sowie ganzheitlicher erklärt und vorhersagt. Auf der Ebene der Disziplin der Politischen Psychologie ist damit die sowohl theoretische als auch methodische Integration des fundamentalen menschlichen Merkmals Empathie in diese Disziplin verbunden.

1Sozial: z.B. Aufnahme/Unterbringung von Flüchtlingen vs. monetär: z.B. Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge.
2Eine Kurzskala beschreibt einen aus wenigen Items/Fragen bestehenden, aber dennoch validen und zuverlässigen Fragebogen.

 

 

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