Lehrprofessur für Methoden der empirischen Sozialforschung
Jannis Alberts

Jannis Alberts

Jannis Alberts, M.A.

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Vorl. Arbeitsthema: Die Erfassung von Autoritarismus in der Mitte der Gesellschaft

Der Begriff des Autoritarismus und autoritären Charakters wurde in den 1930er Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung geprägt, um die Untersuchung der psychischen Effekte von Machtverhältnissen zu ermöglichen, die in der damaligen Gesellschaft vorherrschten. Als autoritäre Charaktere galten aus der Perspektive der dort Forschenden angepasste Durchschnittsmenschen, denen zugeschrieben wurde, durch ihre Unterwürfigkeit unter anderem kapitalistische Produktionsverhältnisse aufrecht zu erhalten und den Aufstieg der Nationalsozialisten zu ermöglichen (Horkheimer, 1936). Bereits mit der erzwungenen Emigration der Mitglieder des Instituts in die USA setzte aber eine theoretische Verschiebung in der Forschung zum Autoritarismus ein. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs wurde zwar weiterhin untersucht, wie hoch die Unterwürfigkeit von Menschen und ihre Empfänglichkeit für faschistische Ideen war. Jedoch wurden autoritäre Charaktere schon in der bahnbrechenden Arbeit von Adorno et al. (1950) als Abweichler am rechten Rand einer Gesellschaft verstanden. Die Verwendung des Begriffs Autoritarismus änderte sich damit grundlegend. Er diente nicht mehr der Beschreibung eines zentralen Phänomens der gesellschaftlichen Struktur, sondern der eines aus ihr ausgeschlossenen Extrems.

Im Rahmen der weiteren Erforschung des Begriffs nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Verschiebung nur noch selten thematisiert. Mit Altemeyers wirkmächtiger Neudefinition als Right-Wing-Authoritarianism wurde die Einordnung in das politische Spektrum 1981 sogar explizit in den Diskurs zum Thema eingeschrieben. Selbst in Forschungsansätzen, die wie Rockeachs Dogmatismus-Ansatz (1960) das explizite Ziel verfolgten, eine politisch-ideologische Konnotation des Konstrukts zu vermeiden, wurde sie übernommen. Auch gegenwärtig werden zumeist theoretische Modelle verwendet, die Autoritarismus derartig definieren und ihn zudem als ahistorische sozialpsychologische Konstante verstanden wissen wollen, beispielsweise nach Duckitt (2001) oder Jost et al. (2009). Inzwischen gibt es jedoch, gerade im deutschsprachigen Raum, auch einige neue Theorieansätze, die sich kritisch von diesen Auffassungen absetzen (für einen Überblick siehe Seipel, Rippl, & Kindervater, 2015).

Dieses Dissertationsprojekt zielt darauf ab das kritische Potential im ursprünglichen Konstrukt des Autoritarismus zur Diskussion zu stellen, das durch die skizzierten Verschiebungen verloren gegangen ist. Es soll gezeigt werden, dass aufgrund des Verständnisses von Autoritarismus als Teil einer politischen Extremposition die Machtverhältnisse in der sogenannten Mitte der Gesellschaft aus dem Blick der Forschung geraten, die jedoch großen Einfluss auf die Ausgestaltung gesellschaftlicher Strukturen haben. Außerdem soll gezeigt werden, dass die Forschung zum Thema durch ihre Eindimensionalität Gefahr läuft, blind gegen die Wirkung sich verändernder autoritärer Diskurse zu sein, die auf Basis neuartiger Begründungsfiguren Unterwürfigkeit bei den  Menschen befördern. 

Dazu wird zunächst eine Skala entwickelt und validiert, mit der Autoritarismus möglichst unabhängig von politischen Einstellungen gemessen werden kann. Der erste Arbeitsschritt beinhaltet dabei ein kritisches Review existierender Autoritarismus-Skalen sowie qualitative Interviews zu den Konventionen und Werten junger Menschen, um mögliche Items für die Skalenkonstruktion zu sammeln. Im nächsten Schritt erfolgt basierend auf diesen Items die Neukonstruktion einer Subskala zum Konventionalismus, der diejenige Teildimension von Autoritarismus darstellt, die aktuell besonders mit politischen Einstellungen konfundiert ist. Anschließend erfolgen die psychometrische Überprüfung der Skala in einer Pilotstichprobe sowie der Nachweis, dass diese weniger stark mit politischen Einstellungen zusammenhängt als bestehende Instrumente [Nebenthese 1]. Zusammen mit bereits existierenden Subskalen anderer Autoren wird mit der Konventionalismus-Skala schließlich ein neues Instrument zur Messung von Autoritarismus gebildet.

In Verwendung dieses Instruments erfolgt dann eine Analyse der Beziehung zwischen Autoritarismus und politischen Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Dazu werden Daten einer repräsentativen Querschnitterhebung im Rahmen latenter Klassenanalysen ausgewertet, um zu zeigen, dass sich in Gruppen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen Autoritarismus kohärent messen lässt [Hauptthese 1] und dass diese Einstellungen keinen Einfluss auf die Prädiktion der Vorurteile von Personen durch ihren Autoritarismus haben [Hauptthese 2].

Literatur:

Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sanford, R. N. (1950). The Authoritarian Personality. New York: Harper.

Altemeyer, R. A. (1981). Right-wing authoritarianism. Manitoba: University of Manitoba Press.

Duckitt, J. (2001). A dual process cognitive-motivational theory of ideology and

prejudice. In M. Zanna (Hrsg.), Advances in Experimental Social Psychology, 33, S. 41–113

Horkheimer, M. (Hg.) (1936). Studien über Autorität und Familie. Paris: Alcan

Jost, J. T., Federico, C. M. & Napier, J. L. (2009). Political ideology: Its structure, functions and elective affinities. Annual Review of Psychology, 60, S.307-337.

Rokeach, M. (1960). The open and closed mind: investigations into the nature of belief systems and personality systems. New York: Basic Books.

Seipel, C., Rippl, S., & Kindervater, A. (2015). Autoritarismus. In Zmerli, S. & Feldman, O.:Politische Psychologie. Baden-Baden: Nomos, S. 144-162.

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