Philosophische Fakultät
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Etikette und Konflikt: Verhaltensratgeber als Spiegel der Politik

Wie kleide ich mich korrekt zu bestimmten Anlässen? Welche Ausstattung benötige ich auf Reisen? Wie begrüße ich mein Gegenüber angemessen? Antworten auf all diese und viele weitere Fragen fanden sich in sogenannten Anstandsbüchern, die in den Jahrzehnten um 1900 Hochkonjunktur hatten. Seit den 1970er Jahren sind diese Verhaltensratgeber Forschungsgegenstand in Soziologie, Ethnologie und Literaturwissenschaften. Die politische Dimension des Genres wurde dabei bisher ausgeblendet. PD Dr. Marc von Knorring widmet sich nun in einem dreijährigen Forschungsprojekt der Frage, in welchem Maß sich Anstandsbücher zu politischen Fragen äußerten.

PD Dr. Marc von Knorring
Wie viel Politik steckt in Anstandsbüchern? Mit dieser Frage beschäftigt sich PD Dr. Marc von Knorring. Foto: Universität Passau

In den Jahrzehnten um 1900 waren Anstandsbücher in Europa ein Massenphänomen. Alt und Jung, Männer und Frauen, Ober- und Unterschichten nutzten sie zur Vergewisserung über das richtige Verhalten in der Gesellschaft, das soziale Sicherheit und Anerkennung, gegebenenfalls sogar Aufstiegsmöglichkeiten, versprach. Die Autoren der Ratgeber registrierten die Bedürfnisse ihrer Leserinnen und Leser aufmerksam und gestalteten ihre Publikationen entsprechend.

"Die Funktion der Anstandsbücher für die Entwicklung sozialer Verhaltensnormen, Klassen und Geschlechterrollen sind seit etwa 1970 vor allem in der Soziologie, Ethnologie und den Literaturwissenschaften eingehend erforscht worden. Ausgeblendet wurde dabei jedoch die politische Dimension des Genres der Etikette-Literatur", erläutert PD Dr. Marc von Knorring, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte. Er hat in seinen Vorstudien diese neue Richtung verfolgt und die Vermutung legt nahe, dass Anstandsbücher in ihren jeweiligen Ländern noch eine weitere Funktion hatten: Sie adaptierten Einstellungen und Haltungen sogenannter politischer Teilkulturen und dienten ihnen so als Medien zur Selbstvergewisserung und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, sei es mit Blick auf prinzipielle weltanschauliche Fragen, Parteirichtungen oder konfessionelle Prägungen.

Diese Hypothese soll nun erstmals in einer Langzeitperspektive sowie anhand einer großen Menge von Anstandsbüchern international vergleichend überprüft werden. Im Fokus stehen dabei Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die um 1900 auf dem Gebiet der Etikette-Literatur führend waren. Auf diese Weise will das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt nicht nur Eigenschaften und Bedeutung des Genres im Grundsatz bestimmen, sondern auch - an der Schnittstelle zwischen Sozial- und Mediengeschichte - einen Beitrag zu zwei sehr jungen, aufstrebenden historischen Forschungsfeldern leisten: zum Verhältnis von Medien und politischen Teilkulturen sowie zur Entwicklung und Funktion von Massenmedien generell. Neben der Auswertung von 270 Anstandsbüchern soll auch in Verlagsarchiven recherchiert werden, um Erkenntnisse über die Absichten von Verlegern und Autoren sowie vor allem über die Rezeption durch ihre Zielgruppen zu gewinnen.

Konkret gilt es zu untersuchen:

  • in welchem Maße sich Anstandsbücher zu politischen Fragen im weiteren Sinne äußerten und für ihre Leser zum Leitfaden werden konnten
  • wie die Werke von Zielpublika und Rezensenten aufgenommen wurden
  • wie Verfasser und Verlage auf Rückmeldungen und Wandlungen ihrer Klientel reagierten
  • ob die Etikette-Literatur für bestimmte politische Teilkulturen wichtiger als für andere, sowie in den betrachteten Ländern von unterschiedlicher Bedeutung war und
  • welche Gründe sich dafür jeweils benennen lassen können.

Die Ergebnisse des auf drei Jahre angelegten Projekts sollen in einer grundlegenden Studie festgehalten und veröffentlicht werden. 

Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an das Referat für Medienarbeit, Tel. 0851-509 1439.

Katrina Jordan | 25.04.2019